23.2.2022 Classnotes: Das Schwert in Rüstung

Am Donnerstag hatten wir einen ersten Einstieg in Fiores Abschnitt zum Schwert in Rüstung. Der Abschnitt folgt direkt auf den Abschnitt zum Schwert ohne Rüstung und ist der erste Abschnitt in dem Getty-Manuskript, der das Kämpfen in Rüstung gezielt thematisiert.

Historischer Kontext

In seiner Einleitung ganz am Anfang des Manuskripts erläutert Fiore seine Gedanken zum Harnischfechten:

Ich habe meinen Schülern, die in den Schranken [Englisch: “in the lists”; siehe Anmerkung zur Übersetzung unten] kämpfen mussten, immer gesagt, dass dies weitaus weniger gefährlich ist als der Kampf mit scharfen Schwertern in einem Rüstwams [Englisch: “arming coat”; ein Kleidungsstück vergleichbar mit einem Gambeson]. Mit scharfen Schwertern und dem Rüstwams bedeutet ein einziger Fehler beim Parieren eines Angriffs den Tod, während ein Kämpfer in den Schranken, der eine gute Rüstung trägt, mehrere Treffer einstecken und den Kampf trotzdem gewinnen kann. Dann gibt es noch eine weitere Überlegung. In den Schranken stirbt oft keiner der Kämpfer, weil einer den anderen oft gegen Lösegeld als Geisel hält. Aus diesen Gründen sage ich immer, dass ich lieber drei Kämpfe in den Schranken austragen würde als einen einzigen mit scharfen Schwertern, wie ich es beschrieben habe [ohne Rüstung].

Ich sage aber auch, dass jemand, der in den Schranken kämpft, gut gerüstet ist, die Kunst des Kämpfens gut beherrscht, und alle Vorteile hat, die er sich verschaffen kann, sich genauso gut aufhängen kann, wenn er keinen Mut hat. Allerdings muss ich sagen, dass durch die Gnade Gottes keiner meiner Schüler jemals einen Kampf verloren hat, und alle haben ihre Kämpfe ehrenvoll überstanden. Ich will auch sagen, dass die Ritter und Knappen, denen ich die Waffenkunst beigebracht habe, mit meinem Unterricht zufrieden waren und nur mich als Lehrer haben wollten.

– Fiore de’i Liberi ca. 1404 (Getty-MS: Einleitung); aus der englischen Übersetzung von Tom Leoni und Gregory Mele ins Deutsche übersetzt

In dieser Passage habe ich “to fight in the lists” als “in den Schranken kämpfen” (in Anlehnung auf die Redewendung “jemanden in die Schranken weisen”) übersetzt. Dabei handelt es sich um einen ritterlichen Zweikampf im Rahmen eines mittelalterlichen Turniers oder eines zwischen Einzelpersonen vereinbarten Duells.

Dabei sollte man bedenken, dass unsere moderne Vorstellung von Begriffen wie “Turnier” und “Duell” sich von der mittelalterlichen Vorstellung unterscheidet.

  • Mittelalterliche Turniere stellten ein Zwischending zwischen Sportart und Ernstkampf dar; sie hatten zwar bestimmte Regeln und Konventionen, um den Kampf sicherer zu machen, wurden aber manchmal mit scharfen und spitzen Waffen ausgetragen und konnten tödlich ausgehen.
  • Das mittelalterliche Turnier war auch ein wichtiger Teil der Ausbildung eines Ritters, da es die Form des Trainings war, die dem eigentlichen Kampf am nächsten kam.
  • Im Gegensatz zu der modernen Vorstellung von einem “Duell im Morgengrauen” wurden ritterliche Duelle oft lange im Voraus vereinbart und mit viel Glanz und Gloria vor einem großen Publikum ausgetragen.
  • Überlieferungen zufolge wurden mittelalterliche ritterliche Duelle fast immer in Rüstungen ausgetragen.
  • Sowohl auf einem Turnier als auch bei einem ritterlichen Duell ging es nicht so sehr darum, den Gegner zu töten oder zu verletzten, sondern darum, Ruhm und Ehre (und Lösegeld!) für sich zu gewinnen.

Aus Fiores Text können wir ein paar wichtige Erkenntnisse entnehmen:

  • Fiore thematisiert explizit den Zweikampf “in den Schranken”, nicht das Kämpfen auf dem Schlachtfeld
  • Fiore hält das “Kämpfen in den Schranken” für deutlich weniger gefährlich als den Schwertkampf ohne Rüstung

Rüstungen im Spätmittelalter

Fiores Text wurde Anfang der 1400er Jahre verfasst. Zu dieser Zeit hatten sich Plattenrüstungen für Ritter und Waffenknechte in Europa etabliert und solche Rüstungen werden in Fiores Abbildungen dargestellt.

Eine typische Plattenrüstung circa 1380-1420 hätte folgende Eigenschaften:

  • Gewicht etwa 20-30 kg
  • Große Teile des Körpers werden von Stahlplatten bedeckt
  • Spalten zwischen den Platten werden oft mit Kettenrüstung geschützt
    • Kettenrüstung schützt sehr gut gegen Schnitte
    • Stiche können unter Umständen eine Kette sprengen, aber Kraft und eine stabile Spitze sind notwendig
  • Unter der Rüstung wird Rüstkleidung getragen, an der Rüstungsteile befestigt werden können
    • Je nach Polsterungsgrad dienst dies auch dazu, Wucht besser zu verteilen

Fiore nennt mehrere Stellen, die gute Ziele für Angriffe im gepanzerten Nahkampf sind, weil sie entweder mit einer Rüstung schwer zu schützen sind oder bei manchen Rüstungen ungestützt sind:

  • das Gesicht bzw. die Augenschlitze
  • der Hals
  • die Achselhöhlen
  • die Ellenbeugen
  • die Handinnenflächen
  • die Leiste
  • das Gesäß
  • die Kniekehlen
  • Wenn man es mit einem kräftigen Schlag trifft, der Kopf (egal ob ein Helm getragen wird)

Wir haben gestern Abend ein Fechtspiel gespielt, bei dem die gültige Trefferfläche auf ein paar kleine Ziele beschränkt war. Dabei merkt man schnell, dass Schwachstellen Rüstungen nicht nutzlos machen.

Wenn man mehr über spätmittelalterliche Rüstungen erfahren möchte, empfehle ich den YouTube-Kanal “Knyght Errant” sehr.

Fechten im kurzen Schwert bzw. im Halbschwert

Fiore stellt sechs Poste (Positionen, Haltungen) im Abschnitt über das Schwert in Rüstung dar.

Fünf von diesen Poste zeigen eine Führungsweise, bei der man mit der linken (bzw. nicht dominanten) Hand die Schwertklinge greift.

Der zeitgenössische Begriff für diese Führungsweise war das Fechten “im kurzen Schwert” oder “mit dem kurzen Schwert” (im Gegensatz zum Fechten “mit dem langen Schwert”, bei dem das Schwert nur am Griff gehalten wird). Heute nennt man diese Führungsweise Fechten “im Halbschwert” oder “im halben Schwert” (vgl. Englisch “to half-sword”, “half-swording”).

Diese Führungsweise bietet einige Vor- und Nachteile:

  • Vorteile
    • Größere Hebelwirkung
    • Ermöglicht zielsicherere und kräftigere Stöße
    • Bessere Handhabbarkeit in enger Mensur
  • Nachteile
    • Weniger Reichweite
    • Die Hand, die die Klinge greift, ist angreifbarer

Fiore weist auf diese Vorteile an mehreren Stellen in seinem Text hin. Zwei Beispiele:

Getty-MS, Das Schwert in zwei Händen, Poste: “Ich stehe bereit, einen langen Stich auszuführen. Die größere Reichweite dieses Stichs entspricht der Länge meines Schwertgriffs. Ich bin recht nützlich, wenn mein Gegner und ich beide in Rüstung sind. Da ich nur eine kurze Länge meiner Spitze präsentiere, kann ich nicht getäuscht werden.”

Getty-MS, Das Schwert in zwei Händen, Poste: “Ich bin eine gute Position gegen Schwert, Axt und Dolch in Rüstung. Ich halte mein Schwert in der Mitte der Klinge mit der linken Hand, damit ich einen Dolch abwehren kann, der mir mehr Schaden zufügen kann als die anderen Waffen.”

Da es schwierig ist, einen gepanzerten Gegner aus der Ferne mit einem Schwert zu verletzen, wird beim Fechten in Rüstung eher gerungen. Wenn du deinen Gegner zu Boden werfen kannst, ist es natürlich viel einfacher, einen starken Stich an einer schwachen Stelle zu landen. Entsprechend stellen Fiores Ausführungen zum Schwert in Rüstung hauptsächlich Ringtechniken dar.

Fahrplan für den Kurs

  • Allgemeine Überlegungen zum gepanzerten Schwertkampf
  • Wie man Halbschwerttechniken einsetzen kann, wenn man bereits in einer Stretto-Situation ist
  • Wie man ins Halbschwert übergehen kann
    • In Rüstung
    • Ohne Rüstung
  • Verbindung zum ungepanzerten Schwertkampf bzw. modernen Langschwertfechten: wann und warum man ins Halbschwert übergehen wollen könnte

Grundfertigkeiten des “Schwert in Rüstung”-Abschnittes

  • Paraden im Halbschwert ausführen
  • Die Rüstung des Gegners soweit möglich umgehen
  • Ellenbogenschubs
  • Knauf- und Spitzhaken ausführen
  • Übergang von Knauf- oder Spitzhaken in einen Wurf
  • Übergang von Knauf- oder Spitzhaken in den niedrigen Schlüssel (Hebeltechnik)
  • Knaufschläge

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