Fiore kurzgefasst: Tiere und Tugenden

In der Mitte des Getty-Manuskripts legt Fiore eine Pause von der Darstellung von Techniken ein und geht ein kurz auf die Werte seiner Kampfkunst ein. Abgebildet wird ein Mann umgeben von vier Tieren, die die vier Tugenden der Armizare symbolisieren. Diese Darstellung kommt auch in den Pisani-Dossi und Florius Manuskripten vor.

“Die sieben Schwerter dieses Meisters stehen für die sieben Schläge des Schwertes. Die vier Tiere stehen für vier Tugenden: Vorsicht, Geschwindigkeit, Standhaftigkeit und Mut. Wenn du dich in dieser Kunst auszeichnen willst, musst du diese Tugenden besitzen.

  • [Luchs mit einem Zirkel] Vorsicht: Kein Tier sieht besser als ich, der Luchs. Ich bringe alles an seinen richtigen Platz und in die richtige Mensur.
  • [Tiger mit einem Pfeil] Geschwindigkeit: Ich bin der Tiger, ich laufe und wende so schnell, dass selbst der Blitz mich nicht trifft.
  • [Elefant mit einer Burg auf dem Rücken] Standhaftigkeit: Ich bin der Elefant und trage eine Burg in meiner Obhut, und ich falle weder in die Knie noch verliere ich den Halt.
  • [Löwe mit einem Herzen] Mut: Keiner hat ein mutigeres Herz als ich, der Löwe, denn ich stelle mich gerne jedem Herausforderer.”
– Getty-MS

Auch wenn diese Abschweifung keine expliziten Ratschläge für Fechter bietet, so gibt sie doch einen Einblick in die Art und Weise, wie Fiore über die Fechtkunst denkt.

Man merkt, dass diese Tugenden manchmal einander entgegenwirken. Zu viel Vorsicht kann zur Feigheit führen. Zu viel Mut kann zur Rücksichtslosigkeit führen. Etwas, was agil ist, ist nicht stabil. Etwas was standhaft ist, ist nicht geschwind. So wie die Tugenden sich gegenseitig bedingen, bedingen sich die Prinzipien des Fechtens. Die Weisheit (vielleicht von dem Meister symbolisiert) besteht darin, die Tugenden der jeweiligen Situation entsprechend angemessen abzuwägen.

Man kann diese Tugenden nutzen, um das eigene Fechten zu bewerten. Wenn man etwas versucht und es nicht klappt, kann man sich zur Diagnose fragen:

  • Der Luchs: War das die richtige Zeit? Die richtige Distanz? Habe ich die Absicht meines Gegenübers richtig eingeschätzt?
  • Der Tiger: War ich schnell genug? Habe ich die Situation rechtzeitig erkannt, oder musste ich viel nachdenken? Bin ich stehen geblieben, oder habe ich Beinarbeit eingesetzt, die meine Absichten fördert?
  • Der Elefant: Hatte ich eine gute Struktur? War ich stark genug? Hat meine Haltung meine Absichten untermauert oder untergraben?
  • Der Löwe: Habe ich die Initiative ergriffen? Habe ich eine Bedrohung aufrechterhalten? Habe ich entschlossen oder halbherzig agiert?

Du kannst die Übersetzung im Zusammenhang mit den Bildern dem folgenden Informationsblatt entnehmen:

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