Gesten im Fiore-Training haben wir uns Fiores Abschnitt über das Schwert zu einer Hand angesehen.
- Nach den Bildern zu urteilen, handelt es sich bei dem „Schwert zu einer Hand“ anscheinend um das gleiche Schwert wie beim „Schwert zu zwei Händen“, das nur mit einer Hand geführt wird.
- Nur eine Posta (Haltung, Fechtstellung) wird in diesem Abschnitt dargestellt.
- Die Ausgangsstellung für jede Technik ist gleich und die Grundverteidigung ist immer gleich: „Ich mache einen Schritt mit meinem vorderen Fuß etwas aus der Linie heraus, und ich mache einen queren Passierschritt mit meinem linken [hinteren] Fuß“ – dabei sollte man „eine gute Deckung machen“.
Dabei stellen sich mehrere Fragen:
- Warum würde man ein Langschwert einhändig führen?
- Warum nur diese eine Posta?
- Was heißt „eine gute Deckung machen“?
Meine Vermutung ist, dass der Abschnitt aus didaktischen Gründen da ist. Man findet die Techniken des Schwerts zu einer Hand immer wieder, wenn man beim Fechten mit dem Schwert zu zwei Händen mit der nicht dominanten Hand loslässt. Die Parade mit einem Riverso Sottano (Hieb von unten auf der nicht dominanten Seite) kommt auch immer wieder als eine beliebte, vielseitig einsetzbare Verteidigung vor.
Im Getty-Manuskript dient dieser Abschnitt auch als Übergang von dem unbewaffneten Nahkampf und dem Dolchkampf in den Schwertkampf. Dank seiner größeren Reichweite ermöglicht das Schwert das Zogho Largo (das “weite Spiel”) – vielleicht wollte Fiore einen Vorgeschmack der späteren Largo-Techniken vorstellen und den Zusammenhang zwischen den Nahkampftechniken aus den vorigen Abschnitten und dem Schwertkampf herstellen.
Eine zusätzliche Hypothese ist, dass der Abschnitt “Schwert zu einer Hand” Techniken von der linken Seite zusammenfassen sollte. Die (einzige) Ausgangsposition ist nämlich eine Lagerung auf der linken Seite. Im Getty-Manuskript werden nur Mandritto-Kreuzungen (sprich Kreuzungen von der rechten Seite) in den folgenden Abschnitten zu dem Schwert in zwei Händen dargestellt. Fiore schreibt in diesen späteren Abschnitten von Techniken “von rechts und von links” ohne sie dargestellt zu haben. Vielleicht sollen wir daraus schließen, dass man die Techniken aus “Schwert zu einer Hand” genauso gut mit dem “Schwert zu zwei Händen” ausführen kann.
Eine letzte Hypothese ist, dass dieser Abschnitt eine Situation thematisiert, in der man sein Schwert gerade zieht oder aus dem Hinterhalt angegriffen wird (rein nach der Zeichnung zu urteilen, sieht es wie ein Überfall aus: drei Männer stehen dem Meister gegenüber, der anscheinend den Rücken fast zu den Angreifern gedreht hat). Man könnte bestimmt die Techniken in diesem Abschnitt in so einer Situation anwenden, aber aus dem Text geht hervor, dass die Zeichnung eher allegorisch interpretiert werden sollte:
“Hier sind drei Gegner, die alle diesen Meister töten wollen. Der erste will ihn mit einem Hieb töten. Der zweite beabsichtigt einen Stich. Der dritte wird sein Schwert wie einen Speer nach dem Meister werfen. Wenn es dem Meister gelingt, eine mächtige Tat zu vollbringen und nicht getötet zu werden, dann hat Gott ihn tatsächlich mit großem Geschick gesegnet.”
Darauf antwortet der Meister:
“Ihr seid Feiglinge und versteht wenig von dieser Kunst. Ihr lasst Worten keine Taten folgen! Ich fordere euch heraus, einer nach dem anderen auf mich loszugehen, wenn ihr es wagt, und selbst wenn ihr zu hundert seid, werde ich euch alle aus dieser mächtigen Position heraus vernichten.”
Da Fiore in anderen Abschnitten des Textes mehrere Gegner als Sinnbild für mehrere Angriffsweisen verwendet, liegt nahe, dass es hier auch so gemeint ist. In dem vorigen Abschnitt zur Verteidigung gegen den Dolch zeichnet Fiore einen Meister, der sein Schwert zieht, und Fiore spricht das in dem Text an. Er hätte das auch hier machen können, wenn er insbesondere eine Selbstverteidigungssituation darstellen wollte.
Videos von Guy Windsors Interpretation von den ersten zwei Stücken des Schwerts zu einer Hand findet man hier: https://www.swordschool.com/wiki/index.php/First_two_plays_of_sword_in_one_hand

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