Wie in einem anderen Beitrag erläutert, sind die Grundsätze von Fiores Fechten in Fior di Battaglia nicht explizit kommuniziert, sondern durch das Durcharbeiten vieler Beispiele zu erahnen. Deswegen ist jede Liste von “Prinzipien” oder “Faustregeln” von Armizare zwangsläufig spekulativ.
Aber es macht Spaß und ist eine interessante Herausforderung, einmal zu versuchen, das Wesentliche aus Fiores Werk zusammenzufassen. Hier sind meine Mutmaßungen.
Wie ordnet Fiore den Kampf ein?
- Nach den Waffengattungen der Kämpfer
- Hat einer der Kämpfer eine längere Waffe?
- Trägt man eine Rüstung?
- Kämpft man zu Pferd oder zu Fuß?
- Nach den Ausgangspositionen der Kämpfer
- Wie steht der Gegner?
- Wie steht man selbst?
- Welche Aktionen bieten sich aus der Position an?
- In welcher Entfernung befinden wir uns zueinander?
- Wenn es eine Bindung gibt, wo an den Waffen befindet sich die Bindung?
- Nach dem “Spiel”, das man gerade spielt
- Zhogo Largo (Das weite Spiel): Eine Kampfsituation, in der man sicher einen Abzug machen kann.
- Zhogo Stretto (Das nahe Spiel): Eine Kampfsituation, in der Sicherheit nach vorne liegt.
Grundsätze der Armizare
- Vereinfache deine Entscheidungsfindung, indem du…
- vielseitig einsetzbare Techniken lernst und einsetzt.
- höchstens binäre Entscheidungen treffen musst: ja oder nein, links oder rechts, vor oder zurück, usw.
- dir Poste [Fechtstellungen] als taktisches Rahmenwerk vorstellst, welches verschiedene Vorgehensweisen für verschiedene Situationen aufzeigt.
- Steuere den Kampf, indem du vertraute Situationen herbeiführst, auf die du bereits eine Antwort hast.
- Priorisiere starke Kreuzungen und bleibe gedeckt, wenn die gegnerische Waffe in Reichweite ist, dich zu treffen.
“Die ganze Kunst des Fechtens und der Armizare zeichnet sich durch die Verteidigung mit dem Kreuz aus.”
– Fiore, Getty-MS, Die Axt in Rüstung, Posta di vera Croce
- Nutze seitliche und schräge Schritte, um deine Klingenarbeit zu unterstützen.
“Denn das ist es, was die Kunst von dir verlangt, wenn du nicht versagen willst: Passieren, Kreuzen und Schlagen.”
– Fiore, Getty-MS, Das Schwert in Rüstung, Posta di vera Croce
- Entweder spielst du am Rand der weiten Distanz, damit du verwunden und entkommen kannst, oder du gehst in den Nahkampf über, wo du wieder sicher bist, weil du Kontrolle über deinen Gegner oder seine Waffe hast; sich in der mittleren Distanz aufzuhalten, ist gefährlich.
- Ich habe den Eindruck, dass Fiore der Meinung ist, dass ein Kampf nicht nach dem ersten Treffer zu Ende ist. Deshalb ist es am besten, wenn man seinen Gegner vollständig unter Kontrolle hat, so dass man ihn immer wieder schlagen kann, bis er aufgibt oder kampfunfähig wird.
- Fiore mag anscheinend keine Klingenaktionen, die mit erhobenen Arme enden. Vielleicht aus dem Grund, dass der Kampf oft ins Ringen übergeht, und erhobene Arme in enger Mensur das Ringen des Gegners erleichtern.
Welche Techniken kennt Fiore?
Fiore hat ein paar benannte Techniken, aber nichts was einzig und allein “Fiore” macht (bis auf vielleicht die Punta Falsa). Seine Kunst kennt…
- Hiebe von oben, von unten und seitlich
- Stiche
- Unterschiedliche Deckungen/Paraden
- Ringtechniken wie Hebel, Griffe und Würfe
Ein paar technische Merkmale von Fiores Armizare sind
- Mittelhiebe von der linken bzw. nicht dominanten Seite werden mit der kurzen Schneide ausgeführt.
- Auch wenn es nicht explizit im Text steht, ist es möglich, dass Hiebe von unten hauptsächlich mit der kurzen Schneide ausführt werden.
- Auch wenn es nicht immer der Fall ist, tendiert Fiore zu zwei Arten von Verteidigungen durch Klingenarbeit:
- Ausgangspositionen mit der Waffe auf der rechten bzw. dominanten Seite führen Paraden aus, während man einen Passierschritt macht, und ripostieren mit Hieb oder Stich
- Ausgangspositionen mit der Waffe auf der linken bzw. nicht dominanten Seite führen Paraden mit einem Wegschlagen der gegnerischen Waffe aus, während man einen Passierschritt macht, und ripostieren meistens mit einem Hieb
Wenn etwas an einer Technik schwierig ist, dann wahrscheinlich das Timing; die Aktionen selbst sind selten kompliziert.

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