Der Mehrwert eines Modells liegt in der Vereinfachung
Stellen wir uns einmal vor, dass jemand diese Fragen beantworten möchte:
Wie wird sich der Aktienkurs der XYZ-AG über die nächsten 10 Jahre entwickeln?
Man kann diese Frage mit 100% Sicherheit beantworten, indem man einfach die nächsten 10 Jahre abwartet, und den Aktienkurs der XYZ-AG über die Zeit notiert. Nach 10 Jahren hat man die Antwort, und man kann getrost davon ausgehen, dass sie richtig ist.
Die Realität selbst ist das akkurateste Modell der Realität; aber, wenn es darum geht, komplexe Sachverhalte vorherzusagen und Entscheidungen schnell zu treffen, muss man Vereinfachungen machen, selbst wenn das zwangsläufig zu Ungenauigkeiten führt.
Wie man so schön sagt:
Alle Modelle sind falsch, aber manche sind nützlich.
Fechtsysteme als Modelle
Die Kernfrage im Fechten ist: Wie treffe ich, ohne getroffen zu werden?
Ein Fechtsystem ist ein Versuch, diese Frage zu beantworten. Ein gutes Fechtsystem wird die Entscheidungsfindung erleichtern, indem man Annahmen trifft, Prioritäten setzt, Konzepte bündelt, und sich auf eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten beschränkt, ohne dabei wesentliche Themengebiete außen vor zu lassen. Somit ist das Fechtsystem ein Modell für die Entscheidungsfindung im Fechten.
Fencing is vast and therefore to explain and teach fencing you must start from somewhere to attain certain objectives and then continue with other goals until you reach a complete knowledge. Since fencing is an exact science, one can learn fencing in its totality because it is not “infinite.” If anything, there are personal differences between fencers, in their way to hit and “fence” but he who knows fencing, is capable to understand immediately the fencing of a fencer he’s never seen fence before.
So the difference between the various schools could be identified as the difference of intermediate objectives which are set to achieve in accordance with the teaching methodology, in the difference of the drills selected to reach such objectives, in the difference of teaching method that makes each teacher (and each student) a different experiment of the theory and concept of how to teach something to someone.
– Maestro Alberto Bernacchi
Quelle: https://www.coachescompendium.org/SCHOOLS.HTML#ref1
Die Prioritätensetzung, die Vereinfachungen und die Pädagogik eines Fechtsystems werden von dem jeweiligen historischen Kontext und von den Zielen des Fechtunterrichts geprägt (wollen wir das akademische Verständnis eines Fechtmeisters erlangen, oder wollen wir Laien schnell ans freie Fechten heranführen?).
Ein paar meiner Lieblings-“Fechtmodelle”
Nach dem Motto “einfacher ist besser” stelle ich hier ein paar taktische Rahmenwerke vor, die unterschiedliche Einblicke ins Fechten gewähren.
Politiker, Schriftsteller und Duellant Arthur Ranc über das Fechten im Ernst
M. d’Alembert hat mir oft gesagt: “Ich greife das Handgelenk an, und ich ripostiere zum Körper.” Das ist in einem Satz die Methode des Feldes.
– Arthur Ranc (1831-1908)
Quelle: http://victorianfencingsociety.blogspot.com/2020/02/fighting-duel-in-late-19th-century.html?m=1
“Instruction for training a ship’s crew in the use of arms in attack and defence” von Pringle Green
Pringle Green war ein kanadischer Marineoffizier, der 1812 eine Methode für die Nahkampfausbildung von Seeleuten geschrieben hat.
Im Gegensatz zu den allermeisten Fechtquellen liegt der Schwerpunkt von Greens Überlegungen auf dem Gruppenkampf. Er beschreibt die Ausbildung mit dem Entersäbel in seinem Handbuch auf nur einer Seite.
Seine Methode umfasst lediglich:
- Drei Fechtstellungen
- Guard the Head (den Kopf verteidigen)
- Guard the right side (die rechte Seite verteidigen)
- Guard the left side (die linke Seite verteidigen)
- Vier Angriffe
- Hieb von oben
- Seitlicher Hieb von rechts
- Seitlicher Hieb von links
- Stich
Wobei er erwähnt, dass die meisten Unausgebildeten ausschließlich Hiebe von oben zum Kopf machen.
- Drei Verteidigungen
- (Identisch zu den drei Fechtstellungen)

In diesem Video (11:36) wird Greens Methode zusammenfasst.
Eine Transkription von Greens Werk kann man hier finden: https://swordfight.uk/resources/
Vier Fechtrollen von “LʼEspirit de lʼÉpée”
Das Buch LʼEspirit de lʼÉpée gruppiert unterschiedliche Fechtweisen in vier Rollen, je nachdem, wer als Erster in Trefferreichweite tritt und wer als Erster angreift:
- Conquerant (Eroberer): Du trittst zuerst in Reichweite und greifst zuerst an
- Presseur (Erzwinger): Du trittst zuerst in Reichweite, aber dein Gegenüber greift zuerst an
- Conteur (Lauerer): Dein Gegenüber tritt zuerst in Reichweite, aber du greifst zuerst an
- Blindeur (Bollwerk): Dein Gegenüber tritt zuerst in Reichweite und greift zuerst an
Mit jeder dieser Rollen kann man versuchen, die Schwächen einer anderen Rolle auszunutzen. Sie unterstützen auch den Einsatz unterschiedlicher Techniken (ein Blindeur will sich z.B. wahrscheinlich nicht auf langwierige Angriffskombinationen verlassen).
Unterschiedliche Rollen bieten sich in unterschiedlichen Situationen besser an:
- Wenn man zum ersten Mal mit einem unbekannten Gegner ficht, sucht man sich vielleicht eine andere Rolle aus, als wenn man mit einem Bekannten ficht.
- Nachdem man die Präferenzen des Gegners herausgefunden hat, wechselt man vielleicht in eine andere Rolle.
- In einem sportlichen Kontext könnte man anders fechten, wenn man einen großen Punktevorsprung hat.
Für mehr Informationen und einen tieferen Einblick insbesondere in die Pressuer-Rolle, siehe das Seminar von Tea Kew hier: https://www.ringeck.net/tea/handouts/igx-zorn-krump.pdf
“Opportunity, Protection, & Threat” von Daniel Pope
In diesem Video (6:09) stellt HEMA-Trainer Daniel Pope in nur 6 Minuten ein hervorragend einfaches Modell für die Entscheidungsfindung im Fechten vor. Auch wenn das Säbelfechten des 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt steht, sind die Beobachtungen allgemeingültig.

“A simple Full Body Contact Longsword Playbook” von Rocket City HEMA
In diesem Video (22:44) wird ein einfaches Modell für das Fechten mit dem Langschwert vorgestellt, das sich zwar auf historische Fechtquellen stützt, aber durchaus modern ist. Zielgruppen sind Anfänger im Langschwertfechten sowie erfahrene Fechter, die aus welchem Grund auch immer auf eine einfache Grundlage zurückgreifen wollen.
Das Liechtenauer’sche Fechten

Vor und nach dy zway ding
– Auszug aus dem sog. “Zettel” ca. 1452 (Cod.44.A.8)
Sind aller kunst ain vrsprinck
Swech vnd sterck
Inndes Das wort do mit mit merck
So magstu lernen
Mit kunst arbaitten vnd weren
Erschrickstu gern
kain vechten nÿmmer gelerñ
Siehe den separaten Beitrag hier.
Fior di Battaglia (“Blume des Kampfes”) von Fiore de’i Liberi

Ich bin das Schwert und ich bin tödlich gegen jede Waffe; der Speer, die Axt und der Dolch sind wertlos gegen mich. Ich kann mich ausstrecken oder zurückziehen; wenn ich in die Nähe des Gegners komme, gehe ich in den Nahkampf über, führe Entwaffnungen und Ringtechniken aus. Meine Kunst ist es, zu brechen und zu binden; ich bin Experte in Paraden und Schlägen, und ich bin immer bestrebt, meinen Paraden mit Schlägen zu folgen. Trittst du gegen mich an, dann wirst du den Schmerz spüren. Ich bin königlich, sorge für Gerechtigkeit, verbreite das Gute und vernichte das Böse. Sieh mich als ein Kreuz an, und ich werde dir Ruhm und einen Namen in der Waffenkunst geben.
– Fiore de’i Liberi ca. 1404 (Getty-MS: Einführung für das Schwert in zwei Händen)
Siehe den separaten Beitrag hier.
Diese Aufstellung soll dazu dienen, einen Überblick darüber zu bekommen, wie unterschiedliche Modelle fürs Fechten aussehen können, und einen Vergleich der verschiedenen Vorgehensweisen ermöglichen.

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