VERALTET: Eine Wichtige Schrittabfolge Teil 3: Rechtsseitige Ausgangspositionen

Hinweis 2024: Die Beobachtungen in diesem Beitrag sind zwar relevant für die Interpretation von Fiore, aber inzwischen halte ich diesen Interpretationsweg nicht mehr für Zielführend.

Wie in einem anderen Beitrag erläutert, sind die Grundsätze von Fiores Fechten normalerweise durch das Durcharbeiten vieler Beispiele zu erahnen. Zwecks Analyse und Interpretation wollen wir einen dieser Grundsätze näher untersuchen.

Dies ist der dritte von fünf (geplanten) Teilen einer Blogpost-Serie:

“Die Schrittabfolge”

In Teil 2 habe ich ein paar mögliche Interpretation der Schrittabfolge “acressere fora di strada, passare alla traversa” vorgestellt. Dort habe ich ein paar allgemeine Überlegungen zu den Möglichkeiten erläutert.

Zur einfachen Bezugnahme reproduziere ich die grafische Darstellung der Interpretationen hier:

Wichtig: Es geht mir bei diesen Interpretationen nicht um die genaue Platzierung der Füße, sondern um die Art, Reihenfolge und Richtung der Schritte.

Stellen wir jetzt diese Möglichkeiten den Beispielen aus dem Text gegenüber und schauen wir, welche zu dem Text passen.

Colpo di Villano (“Bauernschlag” – Beispiel 3)

Getty-MS, Das Schwert in zwei Händen, Zogho Largo: “Diese Technik heißt der ‘Bauernschlag’ und wird wie folgt ausgeführt. Warte darauf, dass der Bauer seinen Hieb ausführt. Während du wartest, stell dich in einer schmalen Haltung mit dem linken Fuß nach vorne. Wenn er angreift, mach mit dem linken Fuß einen Schritt aus der Linie heraus zur rechten Seite des Gegners, gefolgt von einem queren Passierschritt mit dem rechten Fuß. Während du den Passierschnitt machst, fange seinen Hieb mit der Mitte deiner Klinge ab. Lass sein Schwert zu Boden gleiten und mach sofort danach einen eigenen Hieb von oben zu seinem Kopf oder seinen Armen. Dieses Stück ist auch mit einem Schwert gegen eine Axt sowie gegen einen schweren oder leichten Stab effektiv.”

Aus dem Text geht Folgendes hervor:

  1. Die Ausgangsposition hat das linke Bein vorne.
    • Alle abgebildeten Poste [Fechtstellungen] mit dem linken Bein vorne zeigen die Waffe auf der rechten Seite, daher gehen wir davon aus, dass die Ausgangsposition die Waffe auf der rechten Seite hat. Deswegen nenne ich das eine rechtsseitige Ausgangsposition.
  2. Der erste Schritt in der Abfolge wird mit dem linken (vorderen) Fuß gemacht und zwar zur rechten Seite des Gegners (d.h. zu der eigenen linken Seite). Das schließt Interpretationen 3 und 5 aus.
  3. In dem Bild von der nachgebenden Parade (“Lass sein Schwert zu Boden gleiten”) ist eindeutig das rechte Bein nach dem Passierschritt vorne. Das schließt Interpretation 4 aus.
  4. Es bleiben nur Interpretationen 1 und 2 übrig. Im letzten Bild der Technik hat der Schüler das linke Bein wieder vorne. Daraus schließe ich, dass er noch einen Passierschritt gemacht hat, während er seine Riposte gemacht hat. Die Riposte erfolgt auf der Außenseite des Gegners, aber die Orientierung der Kämpfenden zueinander ist uneindeutig.

Fazit: Ich halte Interpretation 1.L für am wahrscheinlichsten.

Interpretation 2.L kann aber nicht ausgeschlossen werden.

Scambiar di Punta (“Stoßtausch” – Beispiel 4)

Getty-MS, Das Schwert in zwei Händen, Zogho Largo: “Diese Technik heißt der ‘Stoßtausch’ und wird folgendermaßen ausgeführt: Wenn der Gegner dich mit einem Stich angreift, mach mit dem vorderen Fuß einen Schritt aus der Linie heraus und mach dann einen queren Passierschritt. Währenddessen kreuze sein Schwert mit deinen Händen unten und der Schwertspitze nach oben und stich ihm ins Gesicht oder in die Brust, wie gezeigt.”

Im Gegensatz zum Bauernschlag schreibt Fiore nicht explizit, dass die Ausgangsposition für den abgebildeten Stoßtausch rechtsseitig ist, aber wir können davon ausgehen, dass das gemeint ist:

  • Der 2. Meister des weiten Spiels (der Meister, dem diese Technik zugeordnet ist und somit der Meister, der die Ausgangsposition für die Technik darstellt) hat das linke Bein vorne und die abgebildete Kreuzung ist eine Mandritto-Kreuzung (von der rechten Seite für Rechtshänder)
  • In dem Abschnitt zu den Poste des Schwerts in zwei Händen beschreibt Fiore, welche Aktionen diese Poste machen. Der Stoßtausch kommt nur bei rechtsseitigen Poste (bei denen die Waffe auf der rechten Seite und linkes Bein vorne ist) vor.

Aus dem Text geht Folgendes hervor:

  1. Der erste Schritt in der Abfolge wird mit dem vorderen Fuß gemacht. Das schließt Interpretation 5 aus.
  2. In dem Bild ist eindeutig das rechte Bein nach dem Passierschritt vorne. Das schließt Interpretation 4 aus.
  3. In der abgebildeten Weiterführungstechnik greift man den Griff des gegnerischen Schwerts nach einem weiteren Passierschritt. Das macht Interpretation 3 unwahrscheinlich, da in dem Fall der zweite Passierschritt sehr groß müsste, um den Griff zu ermöglichen.
    • Wenn Interpretation 1 oder 2 richtig ist, dann deckt sich dieser weitere Passierschritt mit der Weiterführung des Bauernschlags genau!
  4. Bei der nächsten Technik im Text, dem sog. “Stoßbruch”, macht man laut Fiore die gleiche Schrittabfolge.
    • Dabei schlägt man die gegnerische Klinge zum Boden, statt eine Oppositionsparade auszuführen.
    • Bei dem Passierschritt im “Stoßbruch” tritt man auf die zum Boden geschlagene Klinge. Da man die Klinge zur eigenen linken Seite geschlagen hat, ist das mit einem Passierschritt nach rechts nicht möglich.
    • Daher wird Interpretation 3 für den Stoßbruch ausgeschlossen.
    • Da die Schrittabfolge beim Stoßtausch gleich ist, wird Interpretation 3 auch für den Stoßtausch ausgeschlossen.

Fazit: Ich halte Interpretation 1.L für am wahrscheinlichsten.

Interpretation 2.L kann nicht ausgeschlossen werden, wenn der Passierschritt eher direkt nach vorne gemacht wird, statt nach rechts.

Rompere di Punta (“Stoßbruch” – Beispiel 5)

Wir haben den Stoßtausch im Zusammenhang mit dem Stoßtausch bereits angesprochen. Der Vollständigkeit halber sehen wir uns den Stoßbruch näher an:

Getty-MS, Das Schwert in zwei Händen, Zogho Largo: “Dies ist eine weitere Möglichkeit, sich gegen einen Stich zu verteidigen. Wie ich schon beim ‘Stoßtausch’ gesagt habe, musst du einen Schritt und dann einen Passierschritt aus der Linie heraus machen. Mach das Gleiche bei diesem Stück, außer dass beim ‘Stoßtausch’ die Hände niedrig und die Spitze hoch sind, wie ich bereits gesagt habe. In diesem Stück, das ‘Stoßbruch’ heißt, hält der Schüler seine Arme hoch, macht einen Hieb von oben, während er einen Schritt und einen Passierschritt aus der Linie macht. Er trifft die gegnerische Klinge seitlich, fast in der Mitte der Klinge, um sie auf den Boden zu schlagen.”

Im Gegensatz zum Stoßtausch, schreibt Fiore, dass rechts- sowie linksseitige Poste den Stoßbruch machen können. Der abgebildete Stoßbruch ist allerdings ein Stoßbruch aus einer rechtsseitigen Ausgangsposition heraus, wie man an der Position des Meisters erkennt.

Aus dem Text geht Folgendes hervor:

  1. Man macht das Gleiche wie beim Stoßtausch, bis auf die Ausgangsposition der Hände. Daraus schließt man, dass die gleiche Schrittabfolge wie beim Stoßtausch gemeint ist, auch wenn sie nicht so genau beschrieben ist. Das schließt Interpretation 5 aus.
  2. An dem Bild erkennt man, dass das rechte Bein nach dem Bruch vorne ist. Das schließt Interpretation 4 aus.
  3. Nachdem man die gegnerische Klinge zum Boden geschlagen hat, tritt man mit dem jetzt vorderen, rechten Fuß auf die Klinge.
    • Der direkteste Hieb von oben von einer rechtsseitigen Ausgangsposition heraus wäre ein Mandritto Fendente (Hieb von oben rechts bei Rechtshändern). Dadurch schlägt man die gegnerische Klinge zu seiner linken Seite.
    • Daher ist der Passierschritt wahrscheinlich nach links (vgl. Interpretation 1.L), um auf die Klinge zu treten.
    • Theoretisch könnte man die gegnerische Klinge zu keiner Seite schlagen, sondern einfach direkt vor sich. Dann könnte der Passierschritt nach vorne gehen (eine Version der Interpretation 2.L)
    • Was jedenfalls unwahrscheinlich ist, ist dass man den Passierschritt von der zu Boden geschlagenen Klinge weg macht; daher schließe ich Interpretation 3 aus.

Fiore zeigte eine Weiterführung des Stoßbruchs:

Getty-MS, Das Schwert in zwei Händen, Zogho Largo: “Dies ist ein weiteres Stück in Bezug auf den Stoßbruch. Nachdem ich seinen Stoß gebrochen habe, wenn der Gegner sein Schwert anhebt, um zu parieren, lege ich meinen Griff sofort in die Innenseite seines rechten Arms, in die Nähe seiner rechten Hand, und greife mit meiner linken Hand schnell meine Klinge nahe der Spitze, um ihn am Kopf zu verwunden. Wenn ich will, kann ich mein Schwert auch an seinem Hals ansetzen und seine Luftröhre aufschlitzen.”

Diese Aktion wäre keine Möglichkeit, wenn man nicht bereits an der rechten Seite des Gegners stehen würde. Das widerlegt nochmal Interpretation 3 und macht Interpretation 2 meiner Meinung nach noch weniger wahrscheinlich.

Fazit: Ich halte Interpretation 1.L für am wahrscheinlichsten.

Wenn man den Stoßbruch von einer linksseitigen Ausgangsposition heraus machen würde, würde ich einfach alles spiegeln und Interpretation 1.R für am wahrscheinlichsten halten.

Exkurs: Rompere di Punta mit anderen Waffen

Die Stücke der Axt in Rüstung gehen von einer Stoßbruch-ähnlichen Situation aus. Dabei kann man auf die gegnerische Axt treten, ähnlich wie beim Stoßbruch mit dem Schwert:

Getty-MS, Die Axt in Rüstung: “Diese sind die Stücke, durch die diese Poste kämpfen. Jede Posta möchte sie einsetzen, in der Gewissheit, dass sie gewinnt. Wenn du die Axt des Gegners zum Boden schlagen kannst, mach diese Stücke auf jeden Fall. Mach alle dieser Stücke, solang dein Gegner dich nicht mit einem Konter aufhält.”

Sowohl rechtsseitige als auch linksseitige Poste kommen beim Abschnitt zur Axt in Rüstung vor. Dass man die gegnerische Waffe von beiden Seiten zum Boden schlagen kann ist zwar konsistent mit den Erläuterungen im Abschnitt zum Schwert, aber – da die Beinarbeit beim Stoßbruch in dem Abschnitt Axt in Rüstung nicht angesprochen wird – spielt der Stoßbruch mit anderen Waffen keine weitere Rolle in dieser Diskussion.

Posta di Donna mit dem Schwert (Beispiel 2)

Getty-MS, Das Schwert in zwei Händen, Poste: “Dies ist die Posta di Donna, die alle sieben Schläge des Schwertes ausführen und abwehren kann. Sie kann alle anderen Poste mit ihren kraftvollen Schlägen brechen und ist schnell im Stoßtauschen. Mach mit dem vorderen Fuß einen Schritt aus der Linie heraus und dann mit dem hinteren Fuß einen queren Passierschritt. Dadurch wird dein Gegner ungedeckt und du kannst ihn schnell und sicher treffen.”

Die Poste des Schwerts in zwei Händen werden vor den Stücken des Schwerts vorgestellt. Beim ersten Durchlesen ist also an der Stelle unklar, was mit “und ist schnell im Stoßtauschen” gemeint ist, weil der Begriff “Stoßtausch” noch nicht erläutert wurde.

Posta di Donna ist die zweite Posta, die in diesem Abschnitt vorgestellt wird. Die erste, Tutta Porta di Ferro, kann unter anderem “Stöße tauschen und ihre eigenen [Stöße] ausführen”. Die Beschreibung der Posta di Donna mit dem Schwert ist also nicht die erste Stelle, an der der Stoßtausch angedeutet wird.

Unklar ist, wie der letzte Satz in der Beschreibung der Posta di Donna mit dem restlichen Text zusammenhängt:

  • Mit unserem Vorwissen über die Beschreibung des Stoßtausches später in den Stücken könnten wir vermuten, dass es sich um eine Beschreibung des “Stoßtauschen” im vorigen Satz handelt
  • Ohne dieses Vorwissen könnten wir genauso gut vermuten, dass der Satz beschreibt, wie sie “alle anderen Poste mit ihren kraftvollen Schlägen” bricht.
  • Wenn es sich um eine Beschreibung der Beinarbeit des Stoßtausches handelt, warum hat Fiore das nicht sofort in der Beschreibung der ersten Posta geschrieben, die Stöße tauschen kann? (Tutta Porta di Ferro)

Der Satz scheint mir also ein bisschen aus dem Kontext gerissen zu sein. Aus dem Text kann man nur die Interpretation 5 ausschließen, weil der erste Schritt laut dem Text mit dem vorderen Fuß gemacht wird.

Posta di Donna mit der Axt (Beispiel 13)

Getty-MS, Die Axt in Rüstung, Poste: “Ich bin die Posta di Donna und stelle mich dem Dente di Cinghiaro entgegen. Wenn der Dente di Cinghiaro auf mich wartet, kann ich einen kraftvollen Schlag ausführen, indem ich mit dem linken Fuß einen Schritt aus der Linie heraus mache, einen Passierschritt mache und mit einem Hieb von oben auf seinen Kopf eintrete. Und wenn der Gegner seine Axt mit Gewalt unter meine Axt legt, so dass ich seinen Kopf nicht treffen kann, kann ich auf seine Arme oder Hände zielen.”

Die Textbeschreibung der Posta di Donna mit der Axt in Rüstung spiegelt die Beschreibung der Posta di Donna mit dem Schwert wider. Genau wie Posta di Donna mit dem Schwert, kann Posta di Donna mit der Axt kraftvolle Schläge ausführen. Hier wird allerdings ein kraftvoller Schlag gegen Dente di Cinghiaro näher beschrieben. Das ist meiner Meinung nach ein Indiz dafür, dass der letzte Satz in der Beschreibung der Posta di Donna mit dem Schwert nicht lediglich eine Beschreibung des Stoßtausches ist.

  • Da der erste Schritt mit dem linken (vorderen) Fuß gemacht wird, kann man Interpretation 5 ausschließen
  • Interpretation 4 ist zwar möglich, aber meiner Meinung nach weniger wahrscheinlich, weil man laut dem Text mit dem Passierschritt eintritt.
    • Das italienische Wort ist intraro und heißt “eintreten” oder “hineingehen” (vgl. Englisch “enter”)

Fazit: Aus dem Text geht keine eindeutige Interpretation für Posta di Donna hervor.

Rechtseitige Poste mit dem Speer (Beispiele 15 & 16)

Getty-MS, Der Speer in Rüstung, Poste: 
[Erstes Bild:] “Wir sind drei Meister mit unseren Speeren, und wir nehmen treffend die Poste des Schwertes ein. Ich bin der erste, der in Tutta Porta di Ferro steht, um den Speer des Gegners schnell wegzuschlagen. Ich werde mit dem rechten Fuß schräg aus der Linie gehen, seinen Speer kreuzen und ihn nach links wegschlagen. Solange du gleichzeitig einen Passierschritt machst und parierst, kann diese Aktion nicht fehlschlagen.”

[Zweites Bild:] “Ich befinde mich in Mezza Porta di Ferro mit meinem Speer. Meine Gewohnheit ist immer zu parieren und zu schlagen. Kommt, wenn ihr wollt, mit eurer Halblanze oder eurem Kampfstab – ich werde parieren, während ich einen Passierschritt mache, und euch ohne Zweifel schlagen. Jede Posta [Position, Haltung] mit einer kurzen Lanze oder einem Schwert, bei der die Waffe nicht zum Gegner ausgestreckt ist, kann auf jede lange Handwaffe warten. Rechtsseitige Poste parieren und führen, während sie parieren, einen Stich aus. Linksseitige Poste parieren und schlagen dabei die gegnerische Waffe zur Seite und treffen dann mit einem Hieb – sind aber nicht so gut für eine Riposte mit einem Stich.”

[Drittes Bild:] “Ich bin die edle Posta di Finestra, immer schnell zum Parieren und Schlagen. Euer langer Speer beeindruckt mich nicht sehr. Hätte ich ein Schwert, würde ich in der gleichen Posta auf deinen langen Speer warten, denn diese Posta pariert und verlangsamt jeden Stoß. Den Stoßtausch kann ich leicht ausführen und deine Waffe zu Boden zu schlagen wird mir sicher gelingen. Wir wollen unsere Aktionen mit dem folgenden Stück beenden.”

[Viertes Bild:] “Die drei Poste, die wir gerade gesehen haben (Tutta Porta di Ferro, Mezza Porta di Ferro und Posta di Finestra auf der rechten Seite), sollten ihre Aktionen mit diesem Stück beenden. Dieses Stück beendet ihre Aktionen und ihre Kunst – sieh mich an, wie ich meinen Gegner in ihrem Namen schlage.”

An mehreren Stellen in seinem Werk erwähnt Fiore explizit, dass es Zusammenhänge zwischen den Abschnitten im Text gibt. Hier wird explizit auf die Zusammenhänge zwischen Speer und Schwert hingewiesen. Implizit wird auf Zusammenhänge zwischen den Poste hingewiesen; die Beschreibungen der drei rechtsseitige Poste des Speers ergänzen sich gegenseitig.

  • Aus der Beschreibung der Posta Tutta Porta di Ferro geht hervor, dass man von rechts nach links pariert und mit dem hinteren Bein einen Passierschritt aus der Linie macht.
  • Aus der Beschreibung der Posta Mezza Porta di Ferro geht hervor, wie rechts- bzw. linksseitige Poste grundsätzlich parieren, und dass sich dieses Vorgehen über das Kämpfen mit dem Speer hinaus verallgemeinern lässt.
  • Die Beschreibung der Posta di Finestra wiederholt die Allgemeingültigkeit des Vorgehens, stellt den Zusammenhang zum Stoßtausch und Stoßbruch her, und betont, dass alle rechtsseitigen Poste mit dem Speer die gleiche Endposition anstreben.
  • Die Endposition der rechtseitigen Poste des Speers spiegelt die Endposition des Stoßtausches mit dem Schwert wider: Hände unten, Spitze hoch, rechtes Bein vorne.

Um die Schrittabfolge zu interpretieren, müssen die Beschreibungen der rechtseitigen Poste durch die der linksseitigen ergänzt werden.

Linksseitige Poste mit dem Speer (Beispiele 17 & 18)

Getty-MS, Der Speer in Rüstung, Poste: 
[Erstes Bild:] “Wir sind drei Poste auf der Riverso-Seite [auf der linken Seite bei Rechtshändern]. Ich bin der erste, der Dente di Cinghiaro. Die Poste auf der Mandritto-Seite [auf der rechten Seite bei Rechtshändern] tun genau das, was wir auf der Riverso-Seite tun. Wir gehen mit einem Passierschritt aus der Linie heraus, indem wir zuerst mit dem Fuß, der vorne ist, aus der Linie gehen – wie üblich. Wir alle (Poste auf der Mandritto– oder Riverso-Seite) führen nach der Parade einen Stich aus, da der Speer keine andere Angriffsmöglichkeit bietet.”

[Zweites Bild:] “Ich warte in Posta di Vera Croce. Du bist zu nah, spiel fair! Ich mache einen Passierschritt mit meinem vorderen Fuß (dem rechten) rückwärts, während ich deinen Speer aus der Linie nach rechts schlage. Mein Speer wird nicht verfehlen, deiner aber schon.”

[Drittes Bild:] “Ich bin in der Posta di Finestra auf der linken Seite bereit, und wenn ich dich nicht mit einem Stich treffe, hast du Glück gehabt. Ich werde meine Spitze hoch und meine Arme tief halten, mit dem hinteren Fuß einen Passierschritt aus der Linie heraus zur Riverso-Seite machen und dir einen Stich ins Gesicht geben, gegen den du keine Verteidigung hast. Wir drei Meister können alle das Stück ausführen, das als Nächstes kommt – wenn du das abkriegst, wirst du es nicht noch einmal versuchen wollen.”

[Viertes Bild:] “Hier endet das Stück des Speers. Ich führe dies von der Riverso-Seite aus aus. Die drei Poste, die wir gerade gesehen haben, wissen, sie sollten nicht scheitern (egal ob ihr Speer lang oder kurz ist), weil diese Poste eine so starke Verteidigung machen, dass sie in einem einzigen Schritt parieren und zuschlagen können. Der Konter ist einfach: Wenn die Spitze des Speers gebrochen [zur Seite geschlagen] wird, dreht man den Speer um und schlägt mit dem stumpfen Ende zu. Und das reicht für den Speer.”

Hier wird explizit auf die Zusammenhänge zwischen links- und rechtsseitigen Poste hingewiesen:

Quelle che sono da parte dritta fano quello che fazemo de la riversa. Noy passamo fora de strada inanzi acressando lo pe ch’e’ denançi come ditto fora de strada.

Guards on the mandritto side do exactly what we do on the riverso side. We pass out of line by first stepping offline with the foot that is forward – as usual.

-Transkription des Getty-MS und englische Übersetzung von Tom Leoni und Gregory Mele

Meine Übersetzung aus dem Englischen: Die Poste auf der Mandritto-Seite tun genau das, was wir auf der Riverso-Seite tun. Wir gehen mit einem Passierschritt aus der Linie heraus, indem wir zuerst mit dem Fuß, der vorne ist, aus der Linie gehen – wie üblich.

Der Abschnitt zum Speer in Rüstung ist der letzte Abschnitt in dem Getty-Manuskript, in dem das Kämpfen zu Fuß thematisiert wird; danach kommt das Kämpfen zu Pferd. Durch das “wie üblich” am Ende des Satzes bekomme ich den Eindruck, dass Fiore weiß, dass seine Schüler diese Verteidigung schon tausendmal gemacht haben (auch wenn sie es noch nicht mit dem Speer gemacht haben).

Aus dem Text zu den Poste des Speers in Rüstung geht also Folgendes hervor:

  1. Ausgangspositionen mit der Waffe auf der rechten bzw. dominanten Seite führen Paraden aus, während man einen Passierschritt aus der Linie macht, und ripostieren.
  2. Ausgangspositionen mit der Waffe auf der linken bzw. nicht dominanten Seite führen Paraden mit einem Wegschlagen der gegnerischen Waffe aus, während man einen Passierschritt aus der Linie macht, und ripostieren.
  3. Man geht aus der Linie, indem man zuerst einen Schritt mit dem vorderen Fuß von der Linie weg und dann einen queren Passierschritt macht. Das schließt Interpretation 5 aus.
  4. Bei der beschriebenen Deckung hält man die Hände tief und die Waffenspitze hoch.
    • Diese Aussage deckt sich mit der Beschreibung des Stoßtausches mit dem Schwert
    • Interessant ist, dass der Hinweis in der Beschreibung der Posta di Finestra mit dem Speer auf der linken Seite auftaucht, aber die Endposition der linksseitigen Poste mit dem Speer die Arme hochgehalten zeigt. Soll das eine Zwischenposition sein? Eine Ausnahme insbesondere für den Speer? Eine situationsabhängige Alternative? Etwas anderes? Man kann hier nur mutmaßen.
  5. In der Endposition ist das ursprünglich hintere Bein jetzt vorne. Das schließt Interpretation 4 aus.
  6. Dieses Vorgehen lässt sich über den Speerkampf hinaus verallgemeinern

Abgebildet wird im Grunde genommen der Stoßtausch, aber jetzt mit dem Speer. Im Gegensatz zum Stoßtausch mit dem Schwert, haben wir keine Weiterführungen mit dem Speer und können daher Interpretationen 1, 2 und 3 nicht ausschließen.

Entscheidend bei der Wahl zwischen 1, 2 und 3 ist, ob man mehr Wert auf Ausweichen oder Kreuzung legt:

  • Bei Interpretation 1 geht man in die Bindung hinein und versetzt dadurch die gegnerische Waffe mehr
  • Bei Interpretation 3 weicht man von der Bindung aus
  • Interpretation 2 ist ein Kompromiss zwischen diesen Möglichkeiten

Die Bilder der Endposition in allen vorhandenen Manuskripten sind uneindeutig, was die Richtung der Schrittabfolge betrifft.

Fazit: Interpretationen 1, 2, und 3 sind möglich. Wegen der Parallelität zum Stoßtausch mit dem Schwert bevorzuge ich Interpretation 1, aber ich gebe zu, dass das nicht aus dem Text hervorgeht.

Zusammenfassung der rechtsseitigen Ausgangspositionen

Aus rechtsseitigen Poste heraus werden vier Techniken mit dieser Schrittabfolge beschrieben:

  1. Ein kraftvoller Angriff aus Posta di Donna heraus
    • Interpretation uneindeutig; nur Interpretation 5 ausgeschlossen
  2. Der Colpo di Villano; der Bauernschlag
    • Interpretation 1.L wahrscheinlich richtig
  3. Der Scambiar di Punta; der Stoßtausch
    • Interpretation 1.L passt am besten zum Stoßtausch mit dem Schwert
    • Interpretationen 1, 2, 3 sind für den Stoßtausch mit dem Speer möglich
  4. Der Rompere di Punta; der Stoßbruch
    • Interpretation 1.L wahrscheinlich richtig

Meiner Meinung nach, wenn Fiore…

  • den Stoßtausch mit dem Schwert und mit dem Speer abbildet,
  • die Ähnlichkeiten zwischen der Technik dem Schwert und mit dem Speer hervorhebt,
  • die Beinarbeit für den Stoßtausch mit dem Schwert und mit dem Speer auf gleiche Art und Weise beschreibt, und
  • auf keine Unterschiede in der Beinarbeit hinweist

ist es wahrscheinlich, dass die gleiche Schrittabfolge an beiden Stellen gemeint ist. Daher gehe ich davon aus, dass die gleichen Interpretation auf die oben gelisteten Techniken (2), (3), und (4) gleichermaßen zutreffen.

Dass Interpretation 1 am häufigsten zu dem Text passt, heißt aber nicht, dass das die einzige Möglichkeit ist, die Fiore empfehlen würde – nur dass Interpretation 1 wahrscheinlich Fiores “erste Wahl” (aus taktischen oder auch pädagogischen Gründen) wäre.

Die Beschreibungen der Poste des Speers in Rüstung haben schon auf Ähnlichkeiten zwischen rechts- und linksseitigen Ausgangspositionen hingewiesen. Im nächsten Beitrag in der Serie schauen wir uns diese näher an.

One response to “VERALTET: Eine Wichtige Schrittabfolge Teil 3: Rechtsseitige Ausgangspositionen”

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