Bericht der Gebrüder Gattari über das Galeazzo-Boucicaut Duell 1395

Artist's interpretation: Galeazzo vs Boucicaut 1395. Art Credit: Ivien Art for Malleus Martialis

In der Einleitung von Fior di Battaglia erzählt der Fechtmeister Fiore etwas über seinen Lebenslauf. Er nennt einige seiner Schüler beim Namen, unter anderem Galeazzo da Mantova. Galeazzo war Ritter und Condottiero, ein Söldnerführer, der auch zu seiner Zeit berühmt war. Das Leben von Galeazzo in ein oder zwei Sätzen zusammenzufassen, würde ihm nicht gerecht werden, aber es genügt zu sagen, dass es ein abenteuerliches Leben war.

Fiore schreibt:

Ein anderer [Schüler] war der berühmte, tapfere und zähe Ritter Galeazzo da Mantova, der in Padua die Waffen mit dem berühmten französischen Ritter Boucicaut kreuzen musste.

Jean le Maingre II, auch Boucicaut genannt, war Marschall von Frankreich. Angeblich habe Boucicaut die Ehre der italienischen Ritter beleidigt, woran Galeazzo Anstoß genommen habe. Es kam zu einem Streit mit Worten, und – da sie sich nicht versöhnen konnten – vereinbarten die beiden Ritter, die Angelegenheit mit Waffengewalt zu regeln. Der französische König weigerte sich, ihnen einen Kampfplatz zur Verfügung zu stellen. Schließlich durften die beiden ihr Duell in Padua (in Norditalien) austragen.

Ein Bericht dieses Duells habe ich aus der englischen Übersetzung von Tom Leoni und Gregory Mele ins Deutsche übersetzt.

Ursprünglicher Bericht: Gebrüder Gattari; Chronaca della illustrissima casa da Carrara Signore de Padoa, Treviso, Vicenza et contadi di quelle et Feltre et Cividali del Friuli

Englische Übersetzung: Tom Leoni, Gregory Mele; Flowers of Battle Volume 1

Um dem Leser eine Vorstellung zu vermitteln, möchte ich sagen, dass die Nachricht vom bevorstehenden Kampf dieser beiden Ritter überall bekannt war, sodass viele Herren und Adlige kamen, um einem solchen Ereignis beizuwohnen. Als sie von den großartigen und prächtigen festlichen Einrichtungen hörten, die der Herr von Padua errichtet hatte, taten alle ihr Bestes, um dabei zu sein, darunter der Herr von Mantua, Herr Carlo Malatesta, der Herr von Faenza, der von Forli, Sir Tristan de Savorgnan, Certesin de Giovan Lyon von Cremona, der Hauptmann von Vicenza, zusammen mit mehreren venezianischen und trevisanischen Herren. Die Zahl der Zuschauer belief sich mit Sicherheit auf über zwölftausend.

Um dem Leser eine Vorstellung von der festlichen Kulisse zu geben, die der prächtige Herr von Padua auf dem Boden in der Mitte des Hofes errichten ließ, möchte ich sagen, dass die Konstruktion folgendermaßen aufgebaut war. Zunächst ließ er in der Mitte des Hoftors einen quadratischen Kampfplatz errichten, an dessen Ende (auf der Seite der Loggia) er einen riesigen Stuhl aufstellen ließ, der mit bestickten Tüchern mit dem Wappen von Boucicaut bedeckt war. Hinter dem Stuhl befand sich eine wie das Heck einer Galeere aussehende Balustrade, die so lang war wie der Kampfplatz, auf der er sein gesamtes Gefolge unterbrachte. In der Mitte der Straße zum Dom ließ er einen Holzturm errichten, auf dem der Herr seine Armbrustschützen platzierte. Unter dem Hofbalkon ließ er eine Empore errichten, die vom Hoftor bis zum Holzturm reichte; auf dieser Empore ließ er die Herren unterbringen, die mit den Venezianern gekommen waren. Auf der anderen Seite des Hofes, außerhalb, oberhalb und seitlich des Hauses, das auf die Straße blickt, ließ er eine weitere hängende Empore errichten, in der er die Herren aus Bologna, Ferrara und Friaul unterbrachte.

Auf drei Seiten des Kampfplatzes ließ er Tribünen errichten, die dreieinhalb Fuß hoch waren, aus Holzbrettern bestanden und auf der Rückseite geschlossen waren; darauf platzierte er alle Bürger sowie gerüstete Armbrustschützen als Wachen für die Kämpfer. Quer über den Platz (die ganze Seite entlang) hatte er eine hängende Empore, auf der er Menschen aus allen Ständen unterbrachte. Sogar auf den Dächern der Häuser waren Emporen errichtet worden, die alle voller Menschen waren; ein Platz auf dem Balkon wurde für 3 Dukaten verkauft. Möglicherweise haben sich noch nie zuvor so viele Menschen versammelt, um eine solches Duell zu sehen. Vom Brunnen des Platzes in Richtung des Hofes ließ er einen Durchgang frei, auf dem die regulären Soldaten des Herrn standen, alle gerüstet, aber ohne Speere. Nachdem die Leute so aufgestellt worden waren, warteten sie auf die Ankunft der Kämpfer.

Sir Boucicaut erreichte das Feld am Sonntag, dem 22. August 1395. Während die Zuschauer aufmerksam und lautlos dasaßen, begann Sir Boucicauts Gefolgschaft, ohne jedes andere Instrument, aus der Richtung von Sir de Lyon zu kommen. Dies ist die Art und Weise, in der er kam. Zuerst erschienen hintereinander drei gerüstete Pferde: das erste war mit einer Kettenrüstung bedeckt, die aussah, als sei sie aus Silber; das zweite war mit einer vielfarbigen, schlangenschuppenartigen Rüstung bedeckt; das letzte trug eine bestickte Samtdecke, die das Wappen trug – einen großen Kranich, halb rot und halb weiß. Es folgten zwei berittene Knappen, die jeweils einen Speer trugen; der eine trug einen Helm, während der andere einen kleinen Schild an der Schulter hängen hatte. Nach den Knappen kam Sir Boucicaut auf einem schwarzen Pferd. Er war von Kopf bis Fuß so gerüstet, dass er wie der Heilige Georg aussah. In dieser Reihenfolge begaben sie sich zum Eingang des Feldes, wo sich Sir Michael von Rabara, Sir Morando da Porcilia und Paul de Lyon mit anderen Herren aufhielten. Dort wurde ihm ein Messbuch überreicht, und er schwor den Eid, wie es bei den Kämpfern üblich ist. Er gelobte auch, nichts anderes zu tun als den Willen des Herrn von Padua und des Herrn von Mantua, die beide anwesend waren und ihn von der Küste aus dorthin begleitet hatten. Nachdem er dies getan hatte, betrat er das Feld, stieg von seinem Pferd ab, setzte sich auf seinen Stuhl, schickte die gepanzerten Pferde und alle anderen Pferde bis auf eines weg, und wartete auf seinen Gegner, Sir Galeazzo da Mantova, der bei Sir de Lyon hauste.

Galeazzo selbst war bereit und kam von der Via de Stra’ mit drei Pferden, die zwar prächtig, aber nicht so prächtig wie die von Sir Boucicaut, geschmückt waren. Auch er wurde von den genannten Herren auf das Feld begleitet, und als er dort ankam, wurde ihm von ihnen wie oben beschrieben der Eid abgenommen und er begab sich zu seinem Pavillon, der vor dem von Herrn Boucicaut lag. Zwischen ihnen angekommen, verbeugte er sich vor Herrn Boucicaut und grüßte ihn ehrenvoll, während er von allen reichlich gelobt wurde. Danach stieg er ab, schickte bis auf eines seine Pferde weg, ging in seinen Pavillon und schloss sich darin ein.

Unterdessen versuchten der Herr von Padua und der Herr von Mantua dafür zu sorgen, dass sich die Kämpfer versöhnten, jedoch ohne Erfolg. Diejenigen, die dies mit Boucicaut… und mit Galeazzo… versuchten, gingen zwei Stunden lang mal zu dem einen, mal zu dem anderen Kämpfer, ohne etwas zu bewirken – sie maßen Speere, Äxte und andere Waffen. Als er sah, dass keine Einigung erzielt werden konnte, beschloss Sir Boucicaut, nicht länger zu warten, ließ sich sein Pferd bringen und bestieg es, wobei er seinen Helm, seinen Schild vor der Brust, und einen Speer in der Hand trug. Er begann auf dem Feld umherzureiten und wartete darauf, dass Galeazzo ebenfalls sein Pferd bestieg. Galeazzo nahm sein Pferd an den Zügeln und wartete darauf, dass der Fehdehandschuh geworfen würde. Da Galeazzo keine Anstalten machte, auf sein Pferd zu steigen, stieg Boucicaut ab, ging zu seinem Stuhl und ließ sich die Sporen abnehmen (es war vereinbart worden, dass, wenn einer von ihnen zu seinem Stuhl gehen würde, der andere ihm keine Schwierigkeiten bereiten sollte). Ohne Sporen ergriff Sir Boucicaut seinen Speer und ging kühn auf Sir Galeazzo zu, da er dachte, der Fehdehandschuh sei bereits geworfen worden.

Nun warf Sir Michael von Rabara den Fehdehandschuh. Als sie dies sahen, gingen Sir Galeazzo und Sir Boucicaut kühn zu Fuß mit Speeren aufeinander zu. Sir Galeazzo hatte sein Helmvisier hochgeklappt, und als er sah, dass Boucicaut auch in diesem Zustand auf ihn zukam, traf er mit dem Speer fest in beiden Händen gehalten Boucicauts Helmbrünne so, dass dieser drei Schritte zurückwich. Sir Boucicaut warf seinen Speer weg und legte seine Hände auf Galeazzos, brach diesen und griff nach seiner Axt, die in der Nähe lag. Er schwang sie mit beiden Händen und stürzte sich auf Galeazzo, doch währenddessen stürmte der Herr von Mantua zusammen mit seinen Soldaten auf ihn zu, packte ihn an der Taille und sagte: “Schluss damit! Du hast schon viel getan, willst du jetzt nicht einhalten, was du versprochen und auf das Messbuch geschworen hast – die Wünsche des Herrn von Padua und von mir zu erfüllen?” Auf der anderen Seite war der Herr von Padua mit seinen Soldaten zu Sir Galeazzo gegangen, und nachdem er ihn auf dieselbe Weise gepackt und dieselben Worte gesagt hatte wie Sir Boucicaut gesagt wurden, konnte er die beiden Kämpfer schließlich nach vielen Gesprächen miteinander versöhnen. Dann führte er sie in die Mitte des Feldes, nahm ihnen die Helme ab, und sie umarmten und küssten sich in aller Fröhlichkeit.

Das war das erste von zwei Duellen, die Galeazzo mit dem Marschall von Frankreich ausgetragen hat. Das zweite fand elf Jahre später in 1406 statt. Ihr zweites Duell wurde mit Lanzen zu Pferd ausgetragen. Die Lanze von Galeazzo blieb im Visier von Boucicaut stecken und zerbrach. Es ist unklar, ob Boucicaut von seinem Pferd gestoßen wurde, aber der italienische Ritter wurde zum klaren Sieger erklärt.

Galeazzo starb nur einen Monat später, als er sich außerhalb der Burg von Medolago auf eine Schlacht vorbereitete. Angeblich wollten die Verteidiger der Burg verhandeln, und als Galeazzo sein Visier hochklappte, wurde er von einem Armbrustbolzen, der von der Burg aus abgeschossen wurde, durch das Auge getroffen.

Boucicaut wurde in der Schlacht von Azincourt 1415 gefangen genommen und starb 1421 in Gefangenschaft.

3 responses to “Bericht der Gebrüder Gattari über das Galeazzo-Boucicaut Duell 1395”

  1. […] “Duell im Morgengrauen” wurden ritterliche Duelle oft lange im Voraus vereinbart und mit viel Glanz und Gloria vor einem großen Publikum […]

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  2. […] Bericht über das Duell zwischen Juan und Heinrich in Basel weist viele Ähnlichkeiten mit diesem Bericht über das Duell zwischen einem Schüler von Fiore und dem Marschall von Frankreich […]

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