Historische Berichte über Langschwertkämpfe ohne Rüstung

Viele historische Fechtquellen behandeln den Schwertkampf mit dem Langschwert ohne Rüstung. Diese Fechtquellen thematisieren in der Regel einen symmetrischen Zweikampf im zivilen Kontext. Das heißt:

  • Zwei Kontrahenten
  • Beide mit gleichen Waffen
  • Beide wissen im Voraus, dass sie kämpfen (es handelt sich also nicht um einen Überfall)
  • Der Kampf findet nicht auf dem Schlachtfeld statt

Das ist auch das Szenario, von dem die allermeisten modernen Langschwertturniere ausgehen.

Allerdings gibt es nur sehr wenige historische Berichte von tatsächlich stattgefundenen Schwertkämpfen mit Langschwertern und ohne Rüstungen. Meines Wissens gibt es lediglich drei Kandidaten. Wenn du von anderen Berichte weißt, teile diese mir bitte mit, und ich nehme sie in der Liste auf!

Interessant ist anzumerken, dass es sich bei allen drei überlieferten Berichten um Kämpfe zwischen Fechtlehrern handelt. Im Gegensatz zur späteren Duellkultur wurden mittelalterliche ritterliche Duelle fast immer in Rüstung ausgetragen. Vielleicht waren im Mittelalter Duelle ohne Rüstung eher ein Teil der Nischenkultur der Fechtmeister. Man muss aber auch bedenken, dass es im zivilen Leben viele bewaffnete Auseinandersetzungen gab, die zwar nicht als “Duelle” bezeichnet wurden, aber den allgemeinen gesellschaftlichen Erwartungen und Konventionen in Bezug auf Fairness unterlagen. Überlieferungen über solche Ereignisse gehen selten auf die Details der verwendeten Waffen ein, aber man ging davon aus, dass die Kämpfer in einem fairen Kampf ähnliche Waffen benutzten. Das entspricht in etwa dem Schema eines symmetrischen Zweikampfs, wie er in Fechtbüchern dargestellt wird.

Selbstbiografie von Fiore de’i Liberi

Fiore schrieb circa 1410 in der Einleitung seines Werkes:

Vor allem war ich vorsichtig im Umgang mit anderen Fechtmeistern und ihren Schülern. Und einige dieser Meister, die neidisch auf mich waren, forderten mich heraus, mit scharfen und spitzen Schwertern zu kämpfen und dabei nur eine gepolsterte Jacke und keine andere Rüstung außer einem Paar Lederhandschuhe zu tragen; und das geschah, weil ich mich weigerte, mit ihnen zu trainieren oder ihnen etwas von meiner Kunst beizubringen.

Und ich war fünfmal gezwungen, auf diese Weise zu kämpfen. Und fünfmal musste ich für meine Ehre an unbekannten Orten kämpfen, ohne Verwandte und ohne Freunde, die mich unterstützten, und ich vertraute niemandem außer Gott, meiner Kunst, mir selbst und meinem Schwert. Und durch die Gnade Gottes habe ich mich ehrenhaft und ohne Schaden für mich selbst geschlagen.

Ich sage meinen Schülern, die in den Schranken kämpfen* müssen, dass der Kampf in den Schranken wesentlich weniger gefährlich ist als der Kampf mit scharfen Schwertern, bei dem man nur eine gepolsterte Jacke trägt, denn wenn man mit scharfen Schwertern kämpft und einen einzigen Schlag nicht abwehrt, ist man wahrscheinlich tot.

Wenn du hingegen in den Schranken kämpfst und gut gepanzert bist, kannst du viele Treffer einstecken, aber den Kampf trotzdem gewinnen. Und noch eine Tatsache: in den Schranken stirbt nur selten jemand durch einen Treffer. Was mich betrifft, würde ich also, wie ich oben erklärt habe, lieber dreimal in den Schranken kämpfen als einmal in einem Duell mit scharfen Schwertern.

*In dieser Passage habe ich “to fight in the lists” als “in den Schranken kämpfen” (in Anlehnung auf die Redewendung “jemanden in die Schranken weisen”) übersetzt. Dabei handelt es sich um einen ritterlichen Zweikampf im Rahmen eines mittelalterlichen Turniers oder eines zwischen Einzelpersonen vereinbarten Duells.

Quelle: Getty Manuskript https://wiktenauer.com/wiki/Fiore_de%27i_Liberi#Preface
Aus der englischen Übersetzung ins Deutsche von mir übersetzt

Fiore hat also nach eigenen Angaben fünf Mal mit anderen Fechtmeistern mit scharfen Schwertern und keiner Rüstung gekämpft. Es geht aber aus dem Text nicht hervor, ob man mit Langschwertern gefochten hat, oder wie die Kämpfe genau ausgegangen sind. Da Fiore das Langschwert in seinem Werk thematisiert, liegt es nahe, dass so eine Waffe möglicherweise zum Einsatz kam.

Ich finde zwei andere Beobachtungen erwähnenswert:

  1. Die Tatsache, dass Fiore sich mit insgesamt fünf Duellen in etwa vierzig Jahren als Fechtlehrer rühmt, lässt vermuten, dass das vergleichsweise viele sind, und dass selbst für jemanden, dessen Lebensunterhalt von seinem Ruf als Fechter abhing, Schwertkämpfe selten waren.
  2. Fiore erklärt dem Leser, dass ein solcher Kampf ohne Rüstung wesentlich gefährlicher als ein Kampf mit Rüstung ist. Vielleicht will er damit angeben. Vielleicht weist er auf Allgemeinwissen hin. Oder vielleicht waren Schwertkämpfe ohne Rüstung so ungewöhnlich, dass Fiore es für notwendig hält, das dem Leser zu erzählen.

1444 Zwei Fechtmeister in Rothenburg

Der nächste Bericht stammt aus der “Chronik des Michael Eisenhard”. Link zum Artikel: https://talhoffer.wordpress.com/2012/12/03/1444-two-fencing-masters-in-rothenburg/

Ein Fechtmeister aus Wien namens Conrad Siebenbürger kommt nach Rothenburg, veranstaltet eine Fechtschule (eine Art Fechtturnier) und wird für Fechtunterricht bezahlt. Ein anderer Fechtmeister aus Württemberg, der nicht benannt wird, kommt in Rothenburg an und behauptet, dass Conrad kein echter Fechtmeister sei, und bittet den Stadtrat um Erlaubnis, Conrad zum Duell mit scharfen Schwertern herauszufordern. Die Erlaubnis wird erteilt und unter Aufsicht der Stadtwachen wird mit scharfen Schwertern mit abgebrochenen Spitzen gefochten, aber der Kampf wird nach einem Handtreffer abgebrochen. Conrad, der den Handtreffer verursacht hat, sitzt 2 oder 3 Stunden im Gefängnis bis er entlassen wird.

Es geht aus dem Text nicht hervor, ob die Fechtmeister mit Schwertern gekämpft haben, die wir heute als “Langschwerter” bezeichnen würden. Der zeitgenössische Begriff für die gleiche Waffe war lediglich “Schwert” und es ging aus dem Kontext hervor, ob es sich um ein einhändiges oder zweihändiges Schwert handelt. Da im fechterischen Kontext zwischen “Schwert” und “Messer” unterschieden wurde, um Zwei- bzw. Einhändigkeit zu unterscheiden, und das Langschwert eine beliebte Waffe auf Fechtschulen war, ist es plausibel, dass die Fechtmeister mit Langschwertern gekämpft haben.

Der Wortlaut des Berichts ist wie folgt:

Ein trutzig verwegener Fechtmeister aus Wien in Oesterreich, Conrad Siebenbürger aus einem, früh aus Ungarn eingewanderten, durch den Donauhandel wohlhabend gewordenen Bürgergeschlecht, von dem einer der letzten in dem Aufruhr der falschen wider die ächten Regenten nach Kaiser Mar I Tode und vor der Besitzergreifung Karls V und Ferdinands I eine Rolle gespielt hatte, kam her gen Rothenburg und hing ein bloßes Schwert aus dem Rathhaus, daran ein Kränzlein und “hat ein fechtschul hie und nahm 1 Gulden von einem, den er lehrt ein Monat”. Also kam auch her ein anderer Gesell, aus der Herrschaft vom Wirtembergêr Land bürtig, und hieb dem obengenannten Siebenbürger sein Schwert ab, und meint er sollt kein fechtmeister seyn, und es mit dem fechten noch nicht gewonnen, noch erlangt noch, erfvchten haben. Der Würtenberger begehrt vom Heinrich Trüber, derzeit Bürgermeister und andere Räthen eines Schirm vom Rath gegen den Siebenbürger, er wolle mit ihm scharf fechten, welcher unter ihnen des andern Meister sollt seyn, und er wäre ihm wohl 80 Meil oder mehr darumb nachgezogen, welcher ihm zugesagt. Also ward ihm Griswartel mit Stangen zugegeben, Hanns Bermetter der Jung, und Peter Werninger der Jung, und auch von Rechtswegen mit Meister Georg Frölich, und Meister Endres der Steinmetz, die sich darumb verstehen sollten. Also ward ein Creys gemacht mit einem Sail in die Schremme, wurden alle Söldner und der Stadt Diener mit Harnisch und Wehre herumgestellt. Also gingen sie auf einander mit abgebrochenen Spitzen, und der Siebenbürger begehrt dem Wirtenberger sein Haupt zu spalten, traf ihn am Ballen an der Hand. Da liefen die Grieswärter zu, sagten: er hätt ihn unredlich geschlagen. Der Siebenbürger ward gefangen, lag bey 2 oder 3 Stund im Gefängniß, darnach kamen sie beide hinweg.

Quelle: https://talhoffer.wordpress.com/2012/12/03/1444-two-fencing-masters-in-rothenburg/
ca. 1520, Chronik des Michael Eisenhard, Erlangen B 188 (Irm. 1449), NStA, Rst. Rothenburg Akt Nr. 71: Eisenhartische Kronik 910 bis 1529. Nachträge 1535/36. — Abschrift enth. die Zeit 933—1529, NStA, Akt Nr. 70. —Abschrift zus. m. Genealogie der v. Castell u. Kaufbriefen 1383—1708, RStA, Bd. 21.

Durchgestrichener Text im Starhemberger Fechtbuch (Cod. 44.A.8)

Über einem Fechtstück in dieser Quelle aus 1452 steht ein durchgestrichener, schlecht lesbarer Absatz:

Mit dem stuck hat maister pertolt maister hansen den talhofer vor meiner

herren genaden Hertzog Albrecht zw minchen In die hant geschniten vnd auf

den kopff geschlagen

| Merck | wenn dw einem vechter an sein swert gepunden hast | Slecht er

denn vom swert vmb mit der twer dir zw° der anderen seitten | So val ÿm mit

der langen schneid in sein hand oder auff die arem | vnd druck mit dem schnÿt

sein arem mit swert mit tall von dir | vnd slach in auß dem schnÿt von seinem

arem mit dem swert auf den kopff

Quelle: Cod.44.A.8 19v
Transkription: Hagedorn, Dierk and Christian Henry Tobler. The Peter von Danzig Fight Book. Freelance Academy Press, 2021. ISBN 978-1-937439-53-8

Meine Übersetzung ins moderne Deutsche:

Mit diesem Stück hat Meister Bertold den Meister Hans Talhoffer vor meinem Herren Herzog Albrecht zu München in die Hand geschnitten und auf den Kopf geschlagen

Merke: wenn du das gegnerische Schwert angebunden hast und er schlägt mit seinem Schwert zu der anderen Seite von deinem mit einem Zwerchhau, dann lege die lange Schneide deines Schwert auf seine Hand oder seinen Arm und drücke seinen Arm mit einem Schnitt von dir weg. Dann schlage ihn auf den Kopf.

Es geht aus dem Text nicht hervor, ob der beschriebene Kampf mit scharfen Schwertern ausgeführt wurde. Aber wenn es sich hier um den gleichen Fechtmeister Hans Talhoffer handelt, von dem es mehrere überlieferte Fechtquellen gibt, können wir davon ausgehen, dass der Kampf nicht tödlich ausging, weil Talhoffer in den Jahren nach 1452 immer noch seine Dienste als Fechtmeister anbot und zwei weitere Fechtbücher veröffentlichte.

Es ist auch unklar, warum der Text durchgestrichen wurde. Vielleicht ist das beschriebene Ereignis überhaupt nicht passiert. Oder vielleicht hat der Text einem Fan von Talhoffer nicht gefallen 🙂

One response to “Historische Berichte über Langschwertkämpfe ohne Rüstung”

  1. […] habe in einem Beitrag alle (mir bekannten) Berichte über Duelle mit dem Langschwert und ohne Rüstung […]

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