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Was ist „Trefferqualität“?
Wenn man von der „Qualität“ eines Treffers spricht, heißt das in diesem Zusammenhang, wie „gut“ der Treffer ist.
- Bei einem Ernstkampf mit scharfen Schwertern wird Trefferqualität durch die Konventionen des Kampfes und die Auswirkung des Treffers auf die getroffene Person bestimmt
- Bei einem sportlichen Wettkampf wird Trefferqualität durch die Regeln bestimmt; nur Treffer mit ausreichender Qualität sind gültig
- Beim Training oder freundschaftlichem Fechten wird Trefferqualität von den Teilnehmenden bestimmt
Warum ist Trefferqualität wichtig?
Es gibt zwei Tatsachen, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen:
- Es ist generell schlecht für dein Wohlbefinden, dich von einem scharfen Schwert treffen zu lassen
- Nicht jeder Treffer mit einem scharfen Schwert führt zu einer Wunde (und nicht jede Wunde macht die getroffene Person kampfunfähig)
Ein Fechttraining, das an einen historischen Kontext anknüpfen will, bei dem es um den Ernstkampf mit scharfen Schwertern geht, muss sich mit diesen beiden Tatsachen auseinandersetzen.
- Ein Training, das sich zu sehr auf die 1. Tatsache konzentriert, läuft Gefahr, Schwerter wie „Todeszauberstäbe“ anzusehen, und das Fechten verwandelt sich in ein „Fangen-aber-mit-Schwertern“-Spiel
- Ein Training, das sich zu sehr auf die 2. Tatsache konzentriert, läuft Gefahr, Schwerter wie stumpfe Knüppel anzusehen, und das Fechten verwandelt sich in „Boxen mit schwertförmigen Stöcken“
Jeder Standard für Trefferqualität ist ein Versuch, einen Kompromiss zwischen diesen beiden Tatsachen für das Fechttraining zu finden.
Mein Lieblingstrefferqualitätsstandard™
Jeder Standard ist ein wenig willkürlich und wird von unseren Vorstellungen von gutem Fechten und einem „echten“ Schwertkampf beeinflusst. Ich habe keine umfassende Untersuchung aller verfügbaren Daten darüber durchgeführt, wie Menschen auf Schwertschläge reagieren, und ich habe keinerlei Erfahrung mit echten Schwertkämpfen aus erster Hand. Dies ist nur meine Meinung, wenn auch eine, die durch eine tiefe Vertrautheit mit diverser historischer Fechtliteratur geprägt ist.
Die Fragen, die meinen persönlichen bevorzugten Trefferqualitätsstandard leiten, sind die folgenden:
- Gibt es Trefferarten, die wir aus Sicherheitsgründen ausschließen wollen?
- Hätte der Treffer wahrscheinlich wesentliche Schäden angerichtet, wenn das Schwert scharf gewesen wäre?
- War der Treffer absichtlich oder unabsichtlich?
Anhand dieser Prioritäten können wir ein Schema erstellen, wie die Qualität eines Treffers zu bewerten ist:

Für die Beantwortung aller drei Fragen ist ein gesundes Urteilsvermögen erforderlich. Anstatt zu versuchen, das Urteilsvermögen durch eine Liste von Regeln zu ersetzen, bieten die Qualitätsstandards, die ich in diesem Beitrag skizziere, eine Liste von Überlegungen, die meiner Meinung nach dein Urteil beeinflussen sollten. Man kann sich diese Überlegungen als „Symptome“ eines guten Treffers vorstellen: Das Vorhandensein eines einzigen „Symptoms“ deutet nicht unbedingt auf einen guten Treffer hin, aber je mehr „Symptome“ zutreffen, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Treffer von guter Qualität ist.
Da Treffer auf unterschiedliche Weise verwunden (vgl. „die drei Wunder“), wende ich für unterschiedliche Trefferarten unterschiedliche Standards an.
Standard für Hiebe
Ein Hieb ist ein Schlag mit der Schneide. Ein Hieb unterscheidet sich von einem Schnitt dadurch, dass er mit Schwung ausgeführt wird.
- Die Qualität eines Hiebes sollte nicht allein nach der Schwungkraft des Hiebes beurteilt werden
- Ein härteres Schwingen ist zwar ein effektives Mittel, um einen Hieb gefährlicher zu machen, aber ein härteres Schwingen gefährdet auch unsere Trainingspartner, und wir wollen gefährliches Fechten nicht fördern (siehe die 1. Frage im Bewertungsschema oben)
- Vielmehr sollte Folgendes maßgeblich für die Qualität eines Hiebes sein:
- Klingenausrichtung
- War die Schneide tatsächlich auf das Ziel ausgerichtet?
- War die Schneide während des gesamten Hiebes auf das Ziel gerichtet, oder hatte der Hieb einen „schaufelnden“ Verlauf, der das Schneidepotenzial des Hiebes beeinträchtigt?
- Auftreffpunkt der Klinge
- Wurde der Hieb mit einem Teil der Klinge ausgeführt, der (gut) schneiden kann?
- Ein typisches Langschwert schneidet am besten nahe dem Schwingungsknoten in der Klinge (der in der Regel ca. 70% der Gesamtlänge vom Knauf entfernt liegt) und schneidet schlecht mit den Abschnitten direkt nahe der Spitze und nahe dem Griff
- Wurde der Hieb mit einem Teil der Klinge ausgeführt, der (gut) schneiden kann?
- Zurückgelegte Strecke
- Hat sich das Schwert in einem weiten Bogen oder nur über eine kurze Strecke bewegt?
- Versperrung
- Hat eine Verteidigungsaktion dem Hieb den Schwung genommen, bevor er ein gültiges Ziel traf?
- Wurde der Hieb (teilweise) erfolgreich pariert, so dass der Schwung des Hiebes (teilweise) unterbrochen wurde?
- Körperhaltung
- Ist mein Körper so ausgerichtet, dass ich einen kräftigen Schlag untermauern könnte, oder muss ich meinen Körper krümmen, um die Schneide auf das Ziel zu legen?
- Ist es klar, dass ich in einer dominanten Position stehe, um einen Hieb mit Qualität auszuführen, aber ich verzichte darauf, nur um meinen Trainingspartner zu schonen?
- Absichtlichkeit
- Wurde der Hieb absichtlich oder zufällig ausgeführt?
- Klingenausrichtung
Standard für Stiche
Ein Stich ist, wenn die Spitze des Schwertes in das Ziel hinein gedrückt wird.
- Die Qualität eines Stiches sollte nicht allein nach dem Biegen der Klinge beurteilt werden
- Ein ungepanzertes Ziel kann von einer scharfen Spitze mit einer gewichtsäquivalenten Kraft von etwa 1-2 Kilogramm, manchmal sogar weniger, durchbohrt werden, aber viele Übungsschwerter biegen sich erst bei viel größeren Kräften
- Schutzausrüstung (wie z.B. die Fechtmaske) ist oft so konzipiert, dass sie Treffer leichter abgleiten lässt, die sonst im Ziel stecken geblieben wären
- Vielmehr sollte Folgendes maßgeblich für die Qualität eines Stiches sein:
- Auftreffpunkt der Klinge
- Hat die Spitze tatsächlich den Gegner getroffen?
- Körperhaltung
- Ist mein Körper so ausgerichtet, dass ich Druck durch die Spitze in das Ziel hinein ausüben kann, oder muss ich meinen Körper verkrümmen, um die Spitze in Kontakt mit dem Ziel zu bringen?
- Ist es klar, dass ich in einer günstigen Position stehe, um einen Stich mit 1-2 Kilo gewichtsäquivalenter Kraft auszuführen, aber ich verzichte darauf, nur um meinen Trainingspartner zu schonen?
- Absichtlichkeit
- Wurde der Stich absichtlich oder zufällig ausgeführt?
- Auftreffpunkt der Klinge
Standard für Schnitte
Ein Schnitt passiert, wenn man die Schneide auf das Ziel legt und dann drückt oder zieht. Im Gegensatz zu einem Hieb ist für einen Schnitt kein Schwung erforderlich. Ein Hieb, der seines Schwunges beraubt wird, kann leicht zu einem Schnitt werden.
- Die Qualität eines Schnittes sollte nicht allein nach Kontakt zwischen Schneide und Ziel beurteilt werden
- Die Schneide muss sowohl gegen das Ziel gedrückt als auch am Ziel entlang gezogen werden, um ohne Schwung gut zu schneiden; es reicht nicht aus, die Schneide einfach auf das Ziel zu legen
- Vielmehr sollte Folgendes maßgeblich für die Qualität eines Schnittes sein:
- Druck + Zug
- Sind beide Voraussetzungen für einen Schnitt erfüllt? Sowohl Druck in das Ziel hinein als auch Zug am Ziel entlang?
- Körperhaltung
- Störe ich die Körperstruktur meines Gegners durch meinen Schnitt, oder muss ich meine eigene Körperstruktur komprimieren, um meine Schneide in Kontakt mit dem Gegner zu bringen?
- Versperrung
- Versuche ich durch das gegnerische Schwert hindurch oder um das gegnerische Schwert herum meinen Schnitt auszuführen, während der Gegner sich aktiv verteidigt? Wenn ja, werde ich es wahrscheinlich schwerer haben, einen effektiven Schnitt zu machen.
- Ziel des Schnittes
- Ein oberflächlicher Schnitt am Scheitel oder über die Rippen ist wahrscheinlich nur eine Fleischwunde, aber selbst ein oberflächlicher Schnitt über den Hals kann tödlich sein
- Absichtlichkeit
- Wurde der Schnitt absichtlich oder zufällig ausgeführt?
- Habe ich versucht, einen Hieb oder Stich zu machen, aber der ursprüngliche Angriff wurde teilweise durch eine Parade vereitelt, und meine Schneide berührte dann den Gegner zufällig? Ohne weiteres Handeln meinerseits ist das wohl kaum ein guter Schnitt.
- Druck + Zug
Standard für Wuchtangriffe
- Knaufschläge haben nur dann Qualität, wenn man sie simulieren kann, während man die Sicherheit der getroffenen Person gewährleisten kann (normalerweise in einer dominanten Position im Nahkampf)
- Keine anderen Schläge mit stumpfer Gewalt haben Qualität
- Schläge mit der Parierstange des Schwertes wären zwar wirksam, sind aber aus Sicherheitsgründen verboten
- Andere effektive Wuchtangriffe mit dem Schwert sind sicherlich möglich, aber es ist schwierig zu wissen, wie effektiv sie wären, ohne den Trainingspartner tatsächlich zu verletzen
- Unbewaffnete Schläge wie z.B. Faustschläge können einen Gegner zwar ablenken oder sogar außer Gefecht setzen, aber ein einziger Faustschlag beendet den Kampf weitaus seltener als ein einziger Schwertschlag, sodass es sinnvoll ist, von Faustschlägen abzusehen, es sei denn, man hat eine dominante Position beim Ringen erlangt (siehe „Standard für Ringen/Würfe“ unten)
- Ob Tritte erlaubt sind, sollten die Fechter im Voraus besprechen, aber – wenn sie erlaubt sind – sollten Tritte keine Wertungsaktionen sein, sondern ein Mittel, um dann mit der Waffe einen Treffer mit Qualität zu erzielen
- Ein kräftiger Tritt kann durchaus Knochen brechen oder Schmerzen verursachen, aber das ist für das Sparring natürlich nicht angebracht
Standard für Ringen/Würfe
- Ob Ringern, Würfe und Hebel erlaubt sind, sollten die Fechter im Voraus besprechen
- Wenn das Ringen erlaubt ist, ist es ein Mittel, um mit der Waffe einen Treffer mit Qualität zu erzielen, sodass ein Wurf nicht unbedingt ausreicht, um den Fechtgang zu beenden (man darf aber natürlich mit dem Sparringspartner abmachen, dass man nach einem erfolgreichen Wurf den Fechtgang beendet)
- Wenn man beim Ringen eine dominante Position erlangt, darf man einen Treffer mit der Waffe nur andeuten, was vom Gegner respektiert werden sollte (es sei denn, es wurde anders abgemacht: wie weit man beim Ringen gehen möchte, sollte man ebenfalls im Voraus besprochen haben)
Zusätzliche allgemeine Hinweise
- Hättest du es als „Selbstverwundung“ gezählt, hätte der Fechter sich selbst mit so einem Schlag getroffen? Wenn nicht, dann sollte ein solcher Schlag wahrscheinlich nicht zählen, wenn du den Gegner damit triffst.
- Viele Fechter legen zum Beispiel gerne ihre Schwertklinge auf die eigene Schulter, aber wir betrachten diese Art von Kontakt zwischen Schwert und Körper nicht als „Selbstverwundung“. Wenn du also deine Klinge in ähnlicher Weise auf die Schulter des Gegners legst, sollte das wahrscheinlich auch nicht als Treffer mit Qualität gewertet werden.
- Ein Hieb, dessen Schwung durch eine Parade gestoppt wird, bevor der Hieb das Ziel trifft, sollte wie ein Schnitt bewertet werden
- Wenn man versucht, einen Treffer auszuführen, während sein Waffenarm vom Gegner kontrolliert wird, sollte die Qualität des Treffers kritischer bewertet werden
- Es ist weniger wahrscheinlich, dass der Treffer wohlgeformt ist, wenn man ihn ausführt, während der Waffenarm kontrolliert wird
- Wenn man versucht, einen Treffer auszuführen, während man geworfen wird, sollte die Qualität des Treffers kritischer bewertet werden
- Es ist weniger wahrscheinlich, dass der Treffer wohlgeformt ist, wenn man ihn ausgeführt, während man geworfen wird
- Im Zweifelsfall würde ich sagen: Stiche > Hiebe > Schnitte
- Warum? Stiche lassen sich einfach mit Qualität ausführen und sind sehr gefährlich, und Hiebe sind durch den Schwung generell gefährlicher als Schnitte.
- Wenn du also zum Beispiel dem Gegner ins Gesicht stichst, während er dich am Kopf mit einem Hieb trifft, wäre der Stich ins Gesicht wahrscheinlich effektiver als der Hieb zum Kopf (wobei keiner der beiden Fechter in diesem Beispiel besonders stolz auf das Ergebnis sein sollte, weil beide schlimm getroffen wurden)
- Hier ist eine gute Videoanalyse von ein paar konkreten Beispielen
Erstrebenswertes Fechten
Trefferqualitätsstandards sollten als Hilfestellung für das Fechttraining, nicht als Ausrede für fragwürdige Ergebnisse dienen.
Ein klassisches Beispiel, das eine differenzierte Beurteilung erfordert: Ein Hieb wird teilweise pariert und landet als Schnitt mit fragwürdiger Qualität. Der getroffene Fechter wäre vielleicht nicht ernsthaft verletzt, sollte aber bedenken, dass seine Parade nicht komplett ausreichte, um sich zu schützen. Gleichzeitig sollte der Fechter, der getroffen hat, erkennen, dass sein Angriff teilweise geblockt wurde und möglicherweise nicht sehr effektiv gewesen wäre, sodass man nicht mit einem sofortigen Ende des Kampfes rechnen dürfte. Wenn der Angreifer jedoch diesen fragwürdigen Schnitt ausführt, die Kontrolle über den Gegner aufrechterhält und anschließend einen sicheren Abzug macht, ist das auf jeden Fall erstrebenswertes Fechten!
Anstatt sich zu fragen: „Ist es möglich, dass meine Aktion hätte klappen können?“, bewerte dein Fechten, indem du dich ehrlich fragst: „Ist das, was ich gemacht habe, erstrebenswert?“
- Sei höflich, aufmerksam und rücksichtsvoll gegenüber deinen Mittrainierenden
- Fechte mit Absicht; Glück zu haben ist zwar schön, aber keine valide Strategie
- Versuche mit guter Qualität zu treffen
- Verlasse dich nicht darauf, dass dein Treffer sofort vom Gegenüber als gültig wahrgenommen wird; gehe grundsätzlich davon aus, dass dein Treffer keine ausreichende Qualität hatte
- Verlasse dich nicht darauf, dass dein Gegenüber mit schlechter Qualität trifft, sondern darauf, dass du dich verteidigst
- Im Zweifelsfall solltest du den Fechtgang als „zu chaotisch“ oder „unentschieden“ abtun und weitermachen, statt dich auf langwierige Diskussionen einzulassen
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