Sparring: Regeln, Etikette und bewährte Praktiken

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Ich habe in der Vergangenheit einen Beitrag über Sparring-Etikette geschrieben, ohne dabei klar zwischen Regeln, Etikette und bewährten Praktiken zu unterscheiden. Dieser Beitrag soll den Alten ersetzen und spiegelt meine aktuellen Ansichten über Sparring-Regeln und -Etikette wider.

Was verstehe ich unter “Sparring”?

Mit “Sparring” meine ich freundliches freies Fechten außerhalb von Turnieren.

Wettkämpfe werden ihre eigenen vorgegebenen Siegesbedingungen, Trefferqualitätsstandards und Sicherheitsregeln haben, die natürlich von meinen Vorschlägen abweichen können. Trotzdem finde ich, dass sich meine Empfehlungen für das freie Fechten gut auf Turniere übertragen lassen.

Regeln

Regeln sind verbindlich. Ein Verstoß gegen sie kann zu offiziellen Sanktionen bis hin zum Ausschluss vom Training führen.

  1. Besprecht eure Erwartungen im Voraus
    • Was sind die “Siegesbedingungen” für einen Fechtgang?
      • Hört ihr nach dem ersten Treffer auf? Nach x Treffern? Fechtet ihr ununterbrochen für eine bestimmte Zeit?
      • Was zählt als gültiger Treffer?
    • Welche Techniken wollt ihr erlauben oder ausschließen?
      • Wollt ihr Würfe erlauben? Hebel? Faustschläge? Tritte?
    • Welche Schutzausrüstung tragt ihr (nicht)?
    • Gibt es heute Besonderheiten, die ihr beachten solltet?
      • Hat jemand eine noch nicht ganz ausgeheilte Verletzung?
      • Möchtest du heute intensiv fechten, in Vorbereitung auf ein anstehendes Turnier?
      • Möchtest du es heute lieber locker angehen lassen?
  2. Trage angemessene Schutzausrüstung
    • Mindestausrüstung für Langschwert:
      • Fechtmaske mit Hinterkopfschutz
      • Harte Protektoren für Hals und Ellenbogen
      • Gepolsterte Fechtjacke aus durchstichresistentem Stoff
      • Harte Sparringshandschuhe von einem seriösen Hersteller
      • Ein für deine Anatomie geeigneter Tiefschutz
      • Stumpfes Sparring-Langschwert mit gefalteter oder geschwollener Spitze, das sich bei einem Prüfgewicht von 13kg merkbar biegt
  3. Greife keine verbotenen Ziele an
    • Keine Angriffe zum gesamten Rücken des Gegners
    • Keine Angriffe zu ungeschützten Zielen
    • Keine Angriffe zu ausgeschlossenen Zielen (siehe Regel 1 oben)
  4. Dreh den Rücken nicht zum Gegner
    • Dein Gegner hat die Pflicht, deinen Rücken nicht anzugreifen, aber du hast gleichzeitig die Pflicht zu vermeiden, dass dein Rücken das einzige mögliche Ziel ist
  5. Wende keine verbotenen Techniken an
    • Keine Schläge mit dem Schwert, wenn beide Hände die Klinge greifen (z.B. der sog. “Mordschlag”)
    • Keine Schläge mit der Parierstange
    • Keine Würfe, Hebel, Faustschläge oder Tritte ohne die explizite Einwilligung des Gegners
    • Keine Angriffe, bei denen man keine Kontrolle über die Schlagenergie hat (z.B. das Schwert werfen, wilde einhändige Hiebe)
  6. Kontrolliere deine Schlagenergie
    • Hiebe so ausführen, dass wenn sie erfolgreich treffen, die getroffene Person unverletzt bleibt – vor allem wenn es um Hiebe zum Kopf geht
    • Keine Angriffe, bei denen man keine Kontrolle über die Schlagenergie hat (z.B. das Schwert werfen, wilde einhändige Hiebe)
    • Angriffe, die auf Wucht angewiesen sind (z.B. Knaufschläge), sind so auszuführen, dass du die Sicherheit der getroffenen Person gewährleisten kannst
  7. Je mehr Kontrolle man über den Gegner hat, umso mehr ist man für die Sicherheit des Gegners verantwortlich
    • Wenn dein Gegenüber zum Beispiel wehrlos ist, weil du eine dominante Position beim Ringen erlangt hast, solltest du Angriffe vorsichtig ausführen oder nur andeuten
  8. Achte auf die Umgebung
    • Wenn du Personen ohne Schutzkleidung auf der Kampffläche siehst, unterbrich das Sparring, bis sie die Kampffläche verlassen
    • Schwinge dein Schwert nicht hinter dir, wenn du nicht weißt, was hinter dir ist
  9. Sprich Probleme frühzeitig an
    • Wenn ein Treffer zu hart war, gib deinem Gegenüber Bescheid
    • Wenn dein Gegenüber dir mitteilt, dass ein Treffer zu hart war, dann akzeptiere diese Einschätzung und reduziere deine Intensität entsprechend oder beende das Sparring, wenn das nicht möglich sein sollte
  10. Hör nicht auf, dich zu verteidigen
    • Es ist immer in Ordnung sich zu verteidigen (auch nach einem erfolgreichen Treffer des Gegners!)

Etikette

Etikette ist nicht unbedingt verbindlich, aber sie gehört zum Anstand. Man wird vielleicht nicht bestraft, wenn man gegen die Etikette verstößt, aber man verliert vielleicht gewillte Fechtpartner, wenn man das oft tut.

  1. Grüße den Gegner am Anfang und Ende des Sparrings
    • Das ist nicht nur eine Formalität sondern ein klares Zeichen, dass das Fechten beginnt bzw. endet
    • Sollte das Fechten aus irgendeinem Grund unterbrochen werden, grüße ich gerne erneut, um zu signalisieren, dass ich bereit bin weiterzumachen
    • Generell ist die Kommunikation mit der Körpersprache ein großartiges Hilfsmittel, wenn man Schutzkleidung trägt, die Geräusche dämpfen oder die Mimik verbergen könnte
  2. Der wesentlich erfahrenere Fechter hat mehr Verantwortung für die Intensität des Sparrings und sollte entsprechend handeln
    • Dies bedeutet nicht, dass der erfahrene Fechter gegen einen unerfahrenen Fechter langsamer oder schlechter fechten muss, sondern dass der erfahrenere Fechter besser in der Lage ist, Probleme vorauszusehen und zu vermeiden
      • Der erfahrene Fechter erkennt eher, wenn eine Situation aus dem Ruder läuft
      • Der unerfahrene Fechter kann durch seine Unkenntnis ungewollt gefährliche Situationen herbeiführen
  3. Wenn du glaubst, eine Regel oder eine Erwartung verletzt zu haben, sag es dem Gegenüber und entschuldige dich
    • Wenn du nichts sagst, könnte dein Trainingspartner denken, dass du dein Verhalten für akzeptabel hältst
  4. Wenn dein Gegenüber ein Anliegen äußert, nimm es zur Kenntnis und passe dein Verhalten entsprechend an
    • Wenn dein Gegenüber dir mitteilt, dass ein Treffer zu hart war, dann akzeptiere diese Einschätzung und reduziere deine Intensität entsprechend oder beende das Sparring, wenn das nicht möglich sein sollte
    • Wenn dein Gegenüber dich fragt, ob alles in Ordnung ist, und dir geht’s nicht gut, aber du willst das nicht zugeben, solltest du wahrscheinlich am besten das Sparring abbrechen, um einen klaren Kopf zu bekommen, bevor du weitermachst
  5. Geh nach jedem Fechtgang zu der Startposition zurück
    • Andernfalls könnte dein Gegner einen Fechtgang in der Nähe einer Wand oder eines Hindernisses beginnen, was dir einen unfairen Vorteil verschafft, weil du mehr Platz zur Verfügung hast
  6. Bitte um Erlaubnis, bevor du Ratschläge gibst
    • Wenn die Antwort “Nein, danke” lautet, akzeptiere das
    • Es ist auch eine gute Idee, Dinge hervorzuheben, die dein Trainingspartner gut gemacht hat
    • Behalte im Hinterkopf, dass du nur Ratschläge aus deiner eigenen Perspektive geben kannst, und dass dein Partner möglicherweise mit Hindernissen zu kämpfen hat, die dir eventuell nicht bekannt sind
  7. Achte auf die Körpersprache deiner Trainingspartner*innen und handle entsprechend
    • Wenn dein Trainingspartner besorgt aussieht, frage ob alles in Ordnung ist
  8. Antworte auf Eskalation nicht mit Eskalation
    • Sprich stattdessen mit deinem Trainingspartner – es könnte sein, dass er sich nicht bewusst ist, dass er eskaliert, oder dass er das, was er tut, für „normal“ hält (deshalb ist das Festlegen von Erwartungen – siehe Regel 1 – so wichtig)
  9. Besetze eine Kampffläche nicht allzu lang, wenn viele Leute darauf warten, zu fechten
  10. Wenn ihr fertig seid, verlasst die Kampffläche sofort, damit andere fechten können
  11. Sei bescheiden und großzügig
    • Dein Nischenwissen über Geschichte mag in der breiten Gesellschaft über das Allgemeinwissen hinausgehen, aber in der Nischenwelt des historischen Fechtens gibt es wahrscheinlich viele Leute, die genauso viel wissen wie du (oder vielleicht sogar noch mehr..!)
    • Auf der anderen Seite geh nicht davon aus, dass deine Mittrainierenden den gleichen fachlichen Hintergrund haben wie du; Fachwörter sollten Kommunikation erleichtern, nicht das eigene Wissen zur Schau stellen

Bewährte Praktiken

Bewährte Praktiken sind Richtlinien, um das Beste aus dem Sparring herauszuholen. Sie sind lediglich Empfehlungen.

  1. Betrachte das Sparring als eine Art Übung
    • Das freie Fechten ist kein Duell oder Kampf auf dem Schlachtfeld, behandle es also nicht als ob das der Fall wäre
    • Du musst nicht jeden Fechtgang (oder auch nur einen einzigen) gewinnen, damit Sparring Spaß macht oder produktiv ist
    • Wenn dein Gegner offensichtlich besser ist, achte darauf, was er tut und wie er gewinnt, und das Sparring wird dir dennoch etwas nutzen
    • Wenn dein Gegner offensichtlich weniger erfahren ist, nutze die Sparringszeit, um etwas Einfaches oder Neues auszuprobieren, und das Sparring wird dir dennoch etwas nutzen
  2. Wenn du hart getroffen wirst, nimm dir etwas Zeit, um den anfänglichen Schreck abklingen zu lassen und zu beurteilen, ob es gut für dich ist, das Sparring fortzusetzen
    • Du solltest dich nie gezwungen fühlen, weiter zu fechten, und die Unterbrechung wird deine mündliche Aussage, dass der Treffer zu hart war, (siehe Regel 9) betonen
  3. Geh das Sparring mit einem Ziel vor Augen an, auch wenn es sehr vage ist
    • Ein paar Beispiele:
      • Ich möchte mindestens einmal gut parieren
      • Ich möchte mindesten einmal einen direkten Angriff machen
      • Ich möchte mich darauf konzentrieren, meiner ersten Aktion eine zweite (und dritte) Aktion folgen zu lassen
      • Ich möchte mich darauf konzentrieren, nicht getroffen zu werden und die Kontrolle über die gegnerische Waffe zu suchen
      • Ich möchte Ringen vermeiden / ins Ringen gehen
      • Handtreffer kann ich schon gut, ich werde also versuchen, Finten zu nahen Zielen zu nutzen, um Angriffe zu weiten Zielen zu ermöglichen, statt nur direkte Angriffe zu den Händen zu machen
      • Ich möchte mich darauf konzentrieren, die Absichten des Gegners zu antizipieren
      • Ich möchte mich darauf konzentrieren, mich mit Distanz statt mit Paraden zu verteidigen
      • Ich möchte versuchen, mit einem möglichst großen Vorsprung zu gewinnen
      • Ich möchte mich auf Athletik und ständige Bewegung konzentrieren
      • Ich werde immer wieder an den Beinen getroffen; ich werde mich darauf konzentrieren, meine Beine bei jeder Aktion entweder mit Abstand oder mit Klingenarbeit zu schützen
      • Ich möchte eine bestimmte Aktion üben – ich werde mich darauf konzentrieren, die Voraussetzungen für diese Aktion zu schaffen und sie dann zum richtigen Zeitpunkt auszuführen
  4. Halte dir immer vor Augen, dass jede Definition von „gewinnen“ zum Teil willkürlich ist
    • Abgesehen von echten Verletzungen haben die Treffer beim Sparring nur die Bedeutung, die wir ihnen geben
    • Ein Sieg im Sparring bedeutet nicht automatisch, dass man ein besserer Fechter ist als die andere Person (und der bessere Fechter zu sein, macht einen nicht zum besseren Menschen)
    • Wenn du Spaß hast, lernst und niemandem wehtust, ist das schon viel wert!
  5. Denk daran, dass jeder gute und schlechte Tage hat
    • Verzeih dir selbst, dass du nicht immer 100%ig bei der Sache bist
    • Es ist in Ordnung, das Sparring abzubrechen, wenn du keine Lust mehr hast
    • Wenn du einen schlechten Tag hast, konzentriere dich entweder auf etwas Einfaches oder auf gar nichts (versuch einfach in einen Flow zu kommen)
    • Wenn du einen guten Tag hast, sei stolz auf das, was du erreicht hast, und erinnere dich an deine guten Tage, wenn du einen schlechten hast!

Zu guter Letzt möchte ich mit einem allgemein guten Ratschlag vom italienischen Fechtmeister Mattei aus dem 17. Jahrhundert abschließen:

“Wenn man mit einer im Fechten weniger geübten und unwissenden Person kämpfen muss, soll man sich nicht über diese Person lustig machen, sondern sie respektieren, als wäre sie Expertin. Denn schließlich ist sie ein Mensch, und dieser Mensch ist einem ebenbürtig.”

– Francesco Antonio Mattei, 1669 Neapolitan Fencing; von mir aus der englischen Übersetzung von Jeff Vansteenkiste ins Deutsche übersetzt

2 responses to “Sparring: Regeln, Etikette und bewährte Praktiken”

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